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     update:  27.12.11   

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„Trotz ist das Gegenteil von wirklicher Unabhängigkeit.“

„- nicht umsonst heißt es in den Geboten: Du sollst dir kein Bildnis machen! Jedes Bildnis ist eine Sünde. Es ist genau das Gegenteil von Liebe... Wenn man einen Menschen liebt, so lässt man ihm doch jede Möglichkeit offen und ist trotz allen Erinnerungen einfach bereit, zu staunen, immer wieder zu staunen, wie anders er ist, wie verschiedenartig und nicht einfach so, nicht ein fertiges Bildnis...“                                                                                     (Julika zu Stiller)

„Mein Staatsanwalt hält die Ehe für durchaus möglich, wenn auch schwierig. Natürlich meint er die wirkliche, die lebendige Ehe. Zu den Voraussetzungen rechnet er unter anderem: das beidseitige Bewusstsein davon, dass wir kein Anrecht haben auf die Liebe unseres Partners; die lebenslängliche Bereitschaft für das Lebendige, selbst wenn es die Ehe gefährdet, und also immer eine offene Tür für das Unerwartete, nicht für Abenteuerchen, aber für das Wagnis; in dem Augenblick, wo zwei Partner glauben, einander sicher zu sein, haben sie sich meistens schon verloren. Ferner: die Gleichberechtigung von Mann und Frau; Verzicht auf die Meinung, dass die geschlechtliche Treue hinreiche, und ebenso auf die andere Meinung, dass es ohne geschlechtliche Treue überhaupt keine Ehe gebe; eine möglichst weitgehende und lautere, nicht aber rücksichtslose Offenheit in allen Nöten dieser Art. Und wichtig scheint ihm auch der gemeinsame Mut gegenüber der Umwelt; ein Paar hat bereits aufgehört, ein Paar zu sein, wenn einer der beiden Partner oder beide Partner sich der Umwelt verbünden, um den anderen Partner  unter Druck zu setzen; ferner die Fairness, nie dem Partner einzureden oder sonst wie glauben zu machen, dass sein Austritt aus der Ehe uns töten würde usw.  ...“

 

"Helene holt tief Luft zu einem großen Sprechen, und Wilfried hält seine an. Sie sagt: "Ich weiß auch nicht, wofür ich jemanden lieben kann. Ich weiß nur: Wenn ich jemanden liebe, dann sind mir seine Siege genauso egal wie seine Fehler. Auf einmal ist die Bejahung eines ganzen Menschen da. Ich kann nicht sagen, was ich an ihm liebe. Ich könnte zwar alle seine Vorzüge aufzählen, aber ich würde damit die Frage nicht beantworten. Genausowenig habe ich Lust,  die Liste seiner Schwächen aufzustellen. Ich habe nämlich, wenn ich liebe, nicht den geringsten Wunsch nach ein bisschen Hassmöglichkeit für alle Fälle. Das ist vielleicht bei mir das sicherste Zeichen für Liebe, dass ich keinen Hang zum Aufrechnen habe. Die Kasse muss überhaupt nicht stimmen. Und was so ein Kerl sich altes erlauben darf, ohne dass ihm ernsthaft was passiert! Es ist ja auch absurd zu glauben, man müsste zusammenpassen wie zwei Zugpferde!"

Helene sagt: "Noch was: Ich habe in der Liebe keine Raffinesse! Jedenfalls nicht vom Verstand her. Sagen wir: Das Gefühl kalkuliert. Jemand muss ja Obacht geben. Bestimmt liebt man einen Menschen auch aus Vorsicht, so wie man einen anderen aus Vorsicht nicht liebt. Man wird doch nie jemanden lieben, von dem man annehmen muss, dass er einen zerstören kann."

"Ich bleibe doch dabei: Liebe, das ist, wenn das Gefühl kalkuliert, mit wem zusammen man, geteilt durch zwei, ein Mensch würde, den man akzeptieren könnte. Ich glaube, die Liebe des Menschen hat viel mit seinem unbewussten Ungenügen an sich selbst zu tun. Und was der Kopf dann noch versucht, ist Rechtfertigung für eine schon längst getroffene Entscheidung. Was so ein Kopf dann noch alles dem Gefühl zuliebe fertig bringt ...! Richtig rührend kann so ein Kopf da sein! Was der alles findet, das für die Verbindung spricht! Und was der alles unter den Teppich kehren kann! Der rät einem auf einmal nur noch zu. Man will den Kerl ja lieben! - Und wie kann so ein Kopf umgedreht arbeiten, wenn eine bestehende Antipathie untermauert werden muss! - Ich glaube schon: Erst ist die Liebe, das andere kommt dann!"

Wenn jetzt jemand sagen würde: "Na, Wilfried, und wie steht´s bei Dir so mit der Liebe?", hätte er keine schnelle Antwort, die Helene gefallen könnte. Bei ihm geht nämlich alles mehr über die Schönheit. Wenn er Schönheit erlebt, kann er so was wie seine Liebe nicht halten. Es fällt ihm schwer, sie einfach vorbeiziehen zu lassen. Er möchte immer am liebsten hinterher und weiterstaunen. Da soll ihm jetzt mal bitte keiner Vorwürfe machen. Schon unter seiner Großmutter war es erreicht, dass er, wenn er eine Frau schön fand, und das jemand sagen wollte, die auch gleich noch nett finden musste. "Die ist nett!" hieß bei ihm schon eher: "Die ist hübsch!"

Bis in die Windeln muss es zurückreichen, dass man ihm die Theorie von den inneren Werten beibrachte. Und so alt wie diese Lehre ist auch sein Misstrauen gegen sie. Es war ihm immer verdächtig, wenn hässliche Menschen mit religionsstiftender Stimme erklären wollten, dass man einen Partner nach seinen inneren Werten auszusuchen habe und dass man sich dabei von der Faustregel leiten lassen sollte, dass diese Werte sich geradezu unausweichlich in nichtbegehrten Körpern aufhielten. 

Ja, Wilfried war so weit entfernt, er möchte fast behaupten, es gibt keine innere Schönheit ohne die äußere! - Aber obwohl er seinen Schönheitsbegriff für inzwischen so gereift hält, dass ihm nicht passieren kann, einen innerlich hässlichen Menschen für äußerlich schön zu halten, hat er doch Probleme damit, in erster Linie auf äußere Schönheit zu reagieren. Dabei gibt ihm  gerade Helene doch wieder recht. Die ist doch umfassend schön! Helene ist doch der beste Beweis dafür, dass er richtig geguckt hat! Außerdem ist er sich bei der Beurteilung innerer Schönheit nie so sicher wie bei der äußeren. - Hoffentlich kommt er damit jetzt nicht dran!