|
|
|
|
|
|
|
|
|
| Ausschnitte aus dem Sachbuch: | ||||||||||||
| DER HEILIGE GRAL, Ursprung, Geheimnis und Deutung einer Legende | ||||||||||||
|
Von Malcom Godwin
Kapitel Drei Das Wüste Land
- ein Schwert im Paradies -
u Anfang dieses Buches gingen wir kurz auf die friedliche Agrargesellschaft ein, die vor 6000 Jahren existierte und von einem aggressiven Nomadenvolk mit Krieg überzogen wurde, das durch das Schwert lebte. Archäologen stießen bei Ausgrabungen in verschiedenen Erdschichten unerwartet auf Waffen und Befestigungsanlagen, die scheinbar mit einem Schlag aufgekommen waren, und zwar an Orten, an denen es in den vorhergehenden sechs Jahrtausenden nichts Vergleichbares gegeben hatte, im Mittelalter wurde wohl kaum eine kollektive Erinnerung an diese Ereignisse wachgerufen; dennoch stellte das Motiv des wüsten Landes in dieser Zeit ein immer wiederkehrendes, bedrohliches Thema dar und erhielt ständig neue Nahrung von den Mythen, die vom Nahen Osten und aus dem maurischen Spanien nach Europa eindrangen. Außerdem sollten wir nicht den keltischen Beitrag vergessen, wie er in den Erläuterungen dargelegt wird. Trotzdem muss der Anblick der öden arabischen Wüsten und der nordafrikanischen Dünen den europäischen Pilgern und Kreuzfahrern einen immensen Schock versetzt haben. Jene Völker des Ostens, die sich noch nicht zum Islam bekehrt hatten und nach wie vor die Göttin verehrten, waren der Ansicht, die riesigen Wüsten seien auf die Abwendung von der Großen Mutter zurückzuführen, die dem Land seine Fruchtbarkeit entzogen habe. Es herrschte die weitverbreitete Angst, Europa könnte dasselbe Schicksal widerfahren. Allerdings war das symbolische wüste Land weitaus gefährlicher. Es bedeutete nichts weniger als den spirituellen Tod, bei dem sich eine tiefe Kluft auftat zwischen religiösen Anschauungen einerseits und Gefühlen und Erfahrungen des realen Lebens andererseits. Die Ankunft des Mahdi, des ersehnten Ritters, wurde im 12. und 13. Jahrhundert je nach Tradition und Religion als das zweite Kommen Christi gedeutet oder als die langerwartete Wiederkehr König Artus’, Merlins oder eines anderen mächtigen Helden, der sich den Unterdrückern widersetzen würde. Herrscher
n praktisch jeder Version der Gralslegende besteht das Ziel der Suche letztlich darin, das Paradies entweder wiederherzustellen oder das wüste Land in dieses Paradies zu verwandeln. So weit ist dieses Thema ein durchaus gängiger Märchenstoff, dessen Zauber stets auf einer radikalen Verwandlung beruht. Doch im Gralsmythos haben sowohl das Land als auch das innere Leben der Gestalten ihren ursprünglichen paradiesischen Zustand verloren. In allen Versionen werden Gründe für diesen Verlust angeführt, und immer erfahren wir auch, was der Held zu tun hat, um das Paradies auf Erden wiederherzustellen. Wie wir gezeigt haben, entsprechen die jeweiligen Heilmittel in etwa den drei Zweigen des Grals. Für die Kelten bedeutete die Heilung eine Erneuerung der lebensspendenden Kraft des Landes und des Königs. Um den Anforderungen der christlichen Erlösung zu genügen, wurde dieser zyklische, in den Lauf der Jahreszeiten eingebettete Glaube abgewandelt. In dieser historischen Version kann die Ursünde des Ungehorsams, die zu Anfang aller Zeiten begangen wurde, nur durch einen neuen Christus gesühnt werden, der am Ende aller Zeiten in Gestalt eines reinen Ritters wie Galahad erscheint. Der letzte, eher »alchimistische« Zweig der Legende stellt eine Synthese seiner beiden Vorgänger dar; nun kann die Heilung der Wunde nur durch die radikale Verwandlung des Individuums zu einem vollkommenen Wesen bewirkt werden, das sowohl das Männliche als auch das Weibliche in sich trägt. All diese Lösungen sind in sich durchaus schlüssig und sinnvoll, aber sie wurden vor achthundert Jahren entworfen, und seitdem hat man viele Erkenntnisse über gesellschaftliche Verhaltensmuster gewonnen, die jemandem wie Wolfram nicht zur Verfügung standen. Um festzustellen, wie das ursprüngliche Paradies auf Erden ausgesehen haben mag und was historisch tatsächlich oder möglicherweise geschah, müssen wir zuerst die zwei Modelle der gesellschaftlichen Interaktion untersuchen - das Herrschaftssystem und das kooperative Modell. Die Pyramide
as hierarschiche Herrschaftsmodell sozialer Interaktion stellt man sich vielleicht am besten als Pyramide oder Berg vor. Es enthält eine Reihe gleichermaßen bedeutsamer Aspekte oder Charakteristika. Zum Beispiel beinhaltet jede Herrschaftsform in sich eine Hierarchie, ebenso wie jedes in Rangstufen gegliederte System ein Herrschaftsmodell darstellt. Ebenso impliziert jedes hierarchische Modell die Manipulation, es stiftet Uneinigkeit und ist in Schichten und Klassen strukturiert. Dieses System bedingt stets, dass ein Teil der Gesellschaft sich von der Restbevölkerung absondert und die Anordnungen, Anforderungen oder Wünsche des Herrschers an der Spitze der Hierarchie durchsetzt und überwacht. Diese Elite, die die Gestalt einer Bürokratie, einer Armee, einer Priesterschaft oder einer Polizei annehmen kann, ist per Definition ebenfalls ein autoritäres hierarchisches Modell. Ähnlich kommt es in jedem Herrschaftssystem zu einer verstärkten Spezialisierung der Rollen und Fähigkeiten innerhalb des beherrschten Gesellschaftsteils. Wenn es in einer Gesellschaft also spezialisierte Klassen oder Gruppen gibt, können wir davon ausgehen, dass diese Gesellschaft nach dem Herrschaftsmodell operiert. Ein solches System kann nur funktionieren, wenn viel Wohlstand erzeugt wird. Dieser kann in Form von Produkten entstehen, die von der großen Masse an der Basis der Pyramide hergestellt werden, oder das System kann sich Wohlstand und neue Techniken aneignen, indem es sie anderen durch Eroberung und Plünderung entreißt. Tragischerweise ist dies das einzige Modell, das in den letzten fünftausend Jahren zum Zug gekommen ist. Für die gesellschaftliche Interaktion ist es gleichgültig, welche Gruppen herrschen bzw. beherrscht werden. Die empfindlichsten und am ehesten betroffenen Strukturen sind diejenigen von Geschlecht, Rasse, Religionszugehörigkeit, Nation und Klasse oder sogar alle gleichzeitig. Für uns ist augenblicklich das Herrschaftssystem des Geschlechts von größtem Interesse. Doch was die Auswirkungen betrifft, macht es kaum einen Unterschied, ob die Herrschaftsform matriarchalisch oder patriarchalisch ist, ebenso wie es nichts verändern würde, wenn die Schwarzen die Weißen beherrschten. Es gäbe nach wie vor eine herrschende und eine beherrschte Gruppe. Die in den letzten fünftausend Jahren unbarmherzig praktizierte Unterdrückung der Frauen und ihre Entfernung aus praktisch allen selbstbestimmten Machtpositionen ist ein erschütternder Anklagepunkt gegen die männliche Herrschaftsstruktur. Andererseits ist das selbstregulative Element dieser Gesellschaftssysteme derart ausgeprägt, dass die beherrschte Gruppe - wenn sich die erwünschte Ordnung erst einmal etabliert hat (in diesem Fall die männliche Herrschaft) - so stark unterdrückt wird und so sehr darauf konditioniert ist, diesen Zustand zu akzeptieren, dass sie das System selten, wenn überhaupt, hinterfragt. Ein weniger augenfälliges, wenngleich ebenso heimtückisches Anzeichen dieser Sozialform ist die unvermeidliche Kluft, die sich zwischen dem technischen Fortschritt eines Volks und seiner gesellschaftlichen und kulturellen Entwicklung auftut. Dies zeigte sich im Mittelalter in den Waffen, Burgen und Festungen, die zur Erhaltung des gesellschaftlichen Status quo notwendig waren. Was könnte trennender wirken als eine befestigte Bastion, was hält eine Person mehr von ihren Mitmenschen fern als eine Rüstung oder eine tödliche Waffe? Diese schizophrenen Trennungen ziehen sich durch alle Aspekte des Herrschaftsmodells, und jede Trennung führt zu neuen Hierarchien der Abhängigkeit. Der Staat ist vielfach vom Spirituellen getrennt, das Heilige vom Weltlichen, das Männliche vom Weiblichen, Individuen voneinander, die linke Hemisphäre von der rechten, das Individuum von seiner eigenen Entscheidungsgewalt. Dieses System ist bereits dem Wesen nach geprägt von Zwang, Manipulation, Konkurrenz, Gewalt und Krieg. Für den Mystiker bestehen die Schutzmauern dieses Systems in der Entwicklung eines falschen, abgetrennten Selbstgefühls, das Ego genannt wird. Meist führt dieser Zustand zur Entstehung von Misstrauen, Angst und einer auf den Tod ausgerichteten Lebens- und Weltsicht. Zu der Zeit, als die Gralslegenden niedergeschrieben wurden, zogen zwar lediglich die ersten dunklen Wolken auf, doch schon wenig später senkte sich über Europa die Finsternis, die den ganzen Kontinent in den Abgrund der Inquisition, der Verfolgung von Häretikern und des schwarzen Todes stürzte. Doch die Warnungen der Gralslegenden vor dem
Kommen des wüsten Landes waren ungehört verhallt. Partner im Paradies
Eit fünf Jahrtausenden kennen wir ausschließlich das Herrschaftssystem, doch über ein gleichberechtigtes Modell sozialer Interaktion schweigen sich die Lehrbücher aus. Das kann kaum überraschen, ist doch jedes Herrschaftssystem bestrebt, alle Hinweise auf ein alternatives Modell der Gleichberechtigung auszumerzen. Die wenigen uns verfügbaren Beweise für ein solches System bestehen vorwiegend aus widersprüchlichen Andeutungen von Archäologen und Anthropologen. In den letzten dreißig Jahren jedoch ist ein völlig neues Bild zum Vorschein gekommen, das eine sehr alte, sogenannte primitive Zivilisation beschreibt. Dort lebten die Menschen offenbar glücklich und in Übereinstimmung mit ihrer Umgebung, und so müssen wir uns fragen, ob nicht wir die unglückseligen, primitiven Barbaren sind. Aus den archäologischen Funden, die in den letzten dreißig jähren zutage traten, können wir Schlüsse darauf ziehen, wie die neolithischen Völker des alten Europas, Mesopotamiens und Kretas lebten. Daraus geht klar hervor, dass das vereinigende Band zwischen diesen Völkern nicht der Krieg war, sondern die Göttin. Natürlich gilt es im Augenblick als fortschrittlich, ein Loblied auf die Tugenden dieser vagen und doch kraftvollen Gestalt zu singen, was eine Überreaktion auf ihre jahrtausendelange Unterdrückung sein mag. Andererseits lässt sich nicht leugnen, dass es die große Göttin in jeder dieser frühen Gesellschaften gab und ihr Bild in allen Aspekten des täglichen Lebens auftauchte. So tritt sie nicht nur in der Form der gebärmutterförmigen Öfen zutage, in denen die Krüge gebrannt wurden, sondern auch in den Mustern, die diese Gefäße verzierten. Ihr nährendes, erneuerndes Wesen durchdrang und reflektierte die natürliche Welt. Die Welt wurde als das Weibliche gesehen, und das Weibliche als die Welt. Ihr lebenspendender und -bejahender Geist war dem Wesen nach ein ganzheitlicher. Natürlich muss diese schützende, gebärende und fürsorgliche Weltsicht auch beherrschend gewesen sein, doch deswegen galt das Männliche keineswegs als minderwertig, sondern wurde ohne Frage als lebensnotwendig für die Gesundheit des Ganzen betrachtet. Dieses kooperative oder partnerschaftliche System hatte Gleichheit und gemeinsam getragene Verantwortung zur Folge. Da ein solches System notwendigerweise auf Vertrauen und gegenseitiger Fürsorge beruht, nimmt es verständlicherweise eher die weiblichen Aspekte der Mutter an - die nährende Qualität der Empfänglichkeit und eine konservierende, zyklische und regenerative Sicht der Existenz und weniger die innovativen, linearen Gedanken von Veränderung. Neue Techniken kamen nur langsam auf und wurden eher aus augenblicklicher Not geboren als aus einem langfristigen Planen für die Zukunft. Kontinuität gewährleisteten die Ältesten, das heißt die weisen Frauen und Männer. Im Herrschaftssystem des 13. Jahrhunderts allerdings erreichten nur wenige Menschen ein hohes Alter. Die Besiegten wurden als unnütze Esser getötet. Das Auf und Ab in den Geschicken von Königen und ihren Höfen, von Päpsten und Häuptlingen sowie die daraus resultierenden Fehden begünstigten kaum ein langes Leben, das mit einem natürlichen Tod endete. Eine Gemeinschaft, die nach dem Prinzip der Kooperation funktioniert, verändert ihre Lebensweise nur langsam. Agrarisch ausgerichtete Kulturen sind meist ortstreu und dehnen sich nur innerhalb des ihnen bekannten Raums aus. Doch im Verlauf großer Zeitabschnitte, und wenn beide Geschlechter gleiche Möglichkeiten besaßen, konnten Neuerungen sehr plötzlich und gehäuft auftreten. Historiker mussten mit einiger Überraschung feststellen, dass die Phasen der größten Innovation und der höchsten kulturellen Energie gleichzeitig auch Epochen waren, in denen Frauen ein ungewöhnlich hohes Ansehen genossen. Die Höfe von Eleonore von Aquitanien und Marie de Champagne sind gute Beispiele dafür, und zwar zu jener Zeit, als die Gralslegenden geschrieben wurden; weitere Beweise sind das Elisabethanische Zeitalter in England und die italienische Renaissance. Kooperative
in modernes Beispiel, an dem man die Funktionsweise des kooperativen Systems gut beobachten kann, sind die Shaker, zweifellos die langlebigste und wichtigste der verschiedenen Religionsgemeinschaften, die im Amerika des 18. und 19. Jahrhunderts ein Paradies auf Erden schaffen wollten. Gegründet wurde diese Sekte, die sich von den Quäkern abgespalten hatte, von einer Frau - was nicht überrascht. Für Ann Lee stellte jede ihrer dörflichen Gemeinschaften buchstäblich einen kleinen Teil des Gartens Eden dar. Mitte des 19. Jahrhunderts war die Mitgliederzahl der Gemeinden auf sechstausend angewachsen. Die Sozialstruktur der Shaker beruhte auf dem klassischen System von Kooperation und Partnerschaft. Das gemeinsame Ideal war eine für damalige Zeiten höchst ungewöhnliche Theologie, die sowohl einen Gott Vater als auch eine Göttin Mutter umfasste. Diese Gottheiten waren spirituell gleichwertig, und entsprechend herrschte zwischen den Geschlechtern in diesen Gemeinschaften absolute Gleichheit, obwohl im Ältestenrat meist Frauen die Führung übernahmen. Mittelpunkt ihres Lebens bildeten die religiösen Zusammenkünfte, die mit den wirbelnden, schüttelnden Tänzen und den daraus resultierenden Trancezuständen gefeiert wurden, in denen jeder Anwesende zum Medium für die Worte des Vaters oder der Mutter werden konnte. Zwar hatten die Mitglieder sehr bescheidene materielle Bedürfnisse und nur wenige Besitztümer, doch ihr Leben war offenbar überaus erfüllt und reich. Handwerkliches und kunsthandwerkliches Geschick genossen hohen Stellenwert, und die traditionellen Häuser der Shaker sowie ihre sehr elegant wirken den Möbel sind ein Beweis für ihre oft ekstatische und lebensbejahende Einstellung. Die Dörfer waren schön angelegt, und die Mitglieder arbeiteten technisch sehr innovativ. Ein Beispiel für die kreative Energie in einer stark weiblich geprägten Gemeinschaft ist Schwester Tabitha Babbit, die 1810 die mechanisch betriebene Kreissäge erfand. Das Streben
nach Glück
ie Schilderungen vom Leben der Shaker könnten mit einigen Abwandlungen auch die Strukturen der Gemeinschaften im neolithischen Europa beschreiben, auch diese lebten vom Land und waren geschickte Handwerker und Handwerkerinnen. Zwar verehrten die neolithischen Gemeinschaften offenbar nur eine Göttin - allerdings in ihren vielfältigen Aspekten -, doch in den späteren Kulturen auf Kreta wurden anscheinend die beiden ineinandergreifenden Lebensprinzipien des Männlichen und des Weiblichen anerkannt. In diesem Inselparadies gesellte sich zur Schlangengöttin ein Stiergott; die Schwangere Göttin des Landes wurde mit ihrem Sohn oder dem Jährlichen Gott verbunden. Dies entspricht dem Doppelprinzip der Shaker von Gott Vater und Mutter Göttin. Es ist wohl kaum ein Zufall, dass viele der Experimente gemeinschaftlichen Lebens, die im Amerika des 18. und 19. Jahrhunderts florierten, religiös geprägt waren und Gleichberechtigung praktizierten. Doch nur wenige von ihnen konnten sich dem aus den Städten kommenden Einfluss der industriellen Revolution entziehen. Doch soweit wir feststellen können, hätten vermutlich auch deren Vorgänger, jene friedfertigen Landbebauer vor über sechstausend von ihrem Schöpfer mit bestimmten unveräußerlichen Rechten ausgestattet sind, zu denen das Leben, die Freiheit und das Streben nach Gluck gehören«. Das erinnert an die geheimnisvolle Inschrift auf dem Gral, die lautet: »Wenn ein Templer dieser Gemeinschaft durch die Gnade Gottes die Herrschaft über ein fremdes Volk erringt, so soll er ihm zu seinen Rechten verhelfen.« Soweit wir wissen, sind beide Aussagen ohne Beispiel in den Annalen der westlichen Welt. In
Memoriam
en Mythos eines goldenen Zeitalters, das in einem Paradies auf Erden bestand und in dem alle Lebewesen in Übereinstimmung mit ihren Mitlebewesen, der Natur und dem Kosmos in Glück und Zufriedenheit existierten, gibt es in praktisch allen Kulturen unserer Welt. Der Wunsch, zu diesem heiligen, paradiesischen Garten zurückzukehren, kann als eine der dringlichsten Sehnsüchte der Menschen bezeichnet werden, unabhängig von ihrer Kultur, ihrem Glauben und ihrer geographischen Heimat. Es ist, als erinnerten sich alle Völker vage, dass dieses Paradies tatsächlich irgendwann einmal existiert habe. In einem Punkt sind die Paradiesmythen der Welt sich verblüffend ähnlich: Sie alle berichten von einer Zeit, in der die Menschen voll Freude über das Leben, das Land, das Lachen, die Liebe und das Licht des allumfassenden Geistes lebten. Liegt einer der Gründe für die Unsterblichkeit des Gralsmythos möglicherweise darin, dass er eine kollektive, unbewusste Erinnerung an dieses Goldene Zeitalter anrührt, das tatsächlich einmal bestanden hat? Erinnert er uns vielleicht an all das Schreckliche, wodurch wir diese Glückseligkeit verloren haben Im Westen ist das höchste Paradies sicherlich das himmlische. Dies ist der Lohn, den die judaische, die christliche und die islamische Religion verheißen. Das Problem mit den himmlischen Reichen des absoluten Glücks und der Erfüllung besteht darin, dass man sie immer erst nach dem Tod betritt - im Jenseits, nicht im Diesseits. Damit gibt uns die Priesterkaste ein Versprechen, dessen Einlösung höchst ungewiss ist. Doch auch hier auf Erden wurde immer wieder eine neue Welt des Friedens und des Wohlstands in Aussicht gestellt, angefangen von den Verheißungen des judaischen Gottes an sein auserwähltes Volk bis hin zu den Versprechungen, die Columbus dem König von Spanien machte. Sowohl Columbus als auch Amerigo Vespucci glaubten fest an ein jungfräuliches, aber irdisches Paradies, das irgendwo jenseits des westlichen Horizonts lag. Alle Kolonialmächte, die Spanien auf dem Weg zum
Paradies folgten, trugen in sich den Keim, der den irdischen Garten Eden
zerstören sollte, sobald sie ihn betraten. Die Seuche der Alten Welt, die die
Kolonialisten in die Neue Welt einschleppten, waren nicht die
vielen Geschlechtskrankheiten,
sondern das weitaus heimtückischere Übel einer Gesellschaft, die schon vor
langem aus dem Gleichgewicht geraten war. Als die Europäer auf dem amerikanischen
Kontinent vordrangen, zwangen sie ihm genau dasselbe beengende, manipulative,
wettbewerbsorientierte, gewalttätige und kriegerische
Herrschaftssystem auf, das den alten Kontinent an den Rand des Ruins getrieben
hatte. Und dieses selbstregulative System war einfach nicht darauf
programmiert, sich selbst zu hinterfragen. Der Apfel war durch und durch
wurmstichig, und Eva musste feststellen, dass Gott der gleiche misstrauische,
auf den Tod ausgerichtete patriarchalische Chauvinist war wie derjenige, den
sie in der Alten Welt hinter sich gelassen hatte. Ganze zwei Jahrhunderte,
nachdem die Gralslegenden die Möglichkeit einer Erneuerung und Wiederbelebung
des wüsten Landes aufgezeigt hatten und das spirituelle Erwachen im
Languedoc nahe davor stand, einen Quantensprung zu einer neuen Bewusstseinsebene
zu machen, wurde wieder eine großartige Gelegenheit vertan, ein Paradies auf
Erden zu schaffen. Es ist wohl überflüssig zu betonen, dass wir heute - kurz
vor der Jahrtausendwende - vor einem fast identischen Wendepunkt stehen. Ob es
auf unserem Planeten möglich ist, der geistigen Klarheit zum Durchbruch zu
verhelfen, die notwendig ist, um diese Kluft zu überbrücken und den Zyklus des
wüsten Landes doch noch zu einem Ende zu bringen, ist eine völlig andere
Frage. Kapitel vierDer verwundete König Ein existentieller Held
Der Mensch von Matt Mahurin. Der Held unserer
Zeit wird beherrscht von Zeit, Geld und Information.
is jetzt hat die Notwendigkeit, auf den Verlust des weiblichen Prinzips aufmerksam zu machen, etwas von der ebenfalls dringlichen Wiedereinsetzung des Helden abgelenkt. Nun jedoch können wir die Rolle des Helden aus einer völlig anderen Perspektive untersuchen und herausfinden, mit welchen Mitteln der verwundete Monarch geheilt werden kann. Das Wesen eines Helden und das häufigste Motiv bei seiner immerwährenden Suche bestehen darin, dass er zuerst seinen bisherigen Zustand aufgeben muss, um später zu einem reicheren, reiferen Zustand gelangen zu können. Letztlich bewegt sich die Reise eines Helden auf eine Transformation zu, und die Verwandlung, die am Ende des Weges liegt, ist meist eine radikale Bewusstseinsveränderung. Helden und Heldinnen sind Menschen, die ihr Leben einer Sache widmen, die über sie selbst hinausweist. Das setzt allerdings voraus, dass der Held und das Ego nicht mehr identisch sind, denn nur dann kann eine heldenhafte Verwandlung des Bewusstseins stattfinden. Aber nicht nur der Held folgt diesem Weg, sondern auch der Mystiker. Sowohl der wahre Held als auch der Mystiker müssen ihrem Ego entsagen und die Vorstellung ihres eigenen Ichs aufgeben, um dann als etwas anderes, größeres, wiedergeboren zu werden. Nur wenn keine egozentrische Identifikation stattfindet, kann eine Verwandlung überhaupt eintreten. Das Schicksal von Helden besteht darin, auf ihr altes Leben zu verzichten, damit ein neues, höheres oder reiferes Leben an die Stelle der Leere treten kann, die der Verlust des früheren Selbst hinterlässt. Dieses Heldenmuster zeigt sich auch in der Lebensgeschichte von göttlichen Erlösern wie Jesus Christus: Sie müssen symbolisch oder tatsächlich sterben, um wieder aufzuerstehen oder wiedergeboren zu werden. Die alten Götter des Nahen Ostens -Adonis, Osiris, Dionysos und Tammuz - folgten alle diesem grundlegenden Muster. Und wie Christus wurden auch sie in Form von Brot gegessen, damit ihre Anhänger an ihrer Wiederauferstehung teilhaben konnten. Der große Narr Parzival muss sterben, damit der neue Parzival den Gral finden kann. Allein durch Leiden sowie die verwandten Erfahrungen von Zweifel und Liebe kann Mitgefühl entstehen. Wie Wolfram sagt, kann nur ein wahrhaft demütiger Mensch Mitgefühl’ empfinden, wobei der Dichter unter Demut keine äußerliche, fromme Fassade versteht. Wirklich demütig zu sein bedeutet, kein Ego zu haben, das eine Ablenkung oder ein Hindernis darstellt. Ein Held ist ein spirituelles Wesen, weil er einen größeren Teil des Ganzen an die Stelle seines individuellen Ego setzt - und das bedeutet nichts weniger als’ den Tod dessen, was man für sein Selbst hält. Dies kann ein freiwilliger Akt der Selbstaufopferung sein, wie bei einem Erlöserhelden wie Christus. Der Tod kann auch durch eine Initiationszeremonie ausgelöst werden oder ein spontaner Akt der Liebe oder des Mitgefühls sein, durch den der Goldbarren plötzlich von selbst in das Vakuum des egolosen Zustands fällt. Aber der Schlüssel zu jeder heldenhaften Tat besteht darin, das Selbst fahren zu lassen und damit eine Leere zu schaffen, an deren Stelle etwas Größeres treten kann. Heute ist es allerdings schwierig, sich in bezug auf Heldenhaftigkeit nicht völlig machtlos zu fühlen. Es hat den Anschein, als lebten wir in einer unerträglichen Welt, die von Kriegen, Gewalt und Katastrophen heimgesucht wird und in der wir keinerlei Sinngehalt erkennen. Alles besteht offenbar nur aus dem blinden Zusammenspiel von wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Kräften, die meist von den Herrschern an der Spitze der Pyramide ausgelöst und auf das umweltverschmutzte, übervölkerte und möglicherweise gewalttätige Ungewisse losgelassen werden. Wir haben die Fähigkeit verloren, mit unserem inneren Schicksal in Kontakt zu treten, weil wir das Gefühl haben, es sei irgendwo jenseits des Horizonts verlorengegangen. Der
Weg des Helden
ür die Menschen traditioneller Gesellschaften besaßen historische Ereignisse an sich keine Bedeutung. Archaische Konzepte der Realität waren ahistorisch, archetypisch und zyklisch. Die Menschen wehrten sich gegen das, was sie als sinnloses Leiden in einem bedeutungslosen Vergehen historischer Zeit ansahen. Sie wehrten sich, indem sie entweder diese Zeit in Ritualen periodisch aufhoben, oder indem sie ihre jeweiligen Kosmogonien wiederholten oder den Ereignissen archetypische Bedeutung beimaßen. Somit konnte der archaische Held glauben, er wiederhole die Taten von Helden der alten Sagen, wodurch er zu eben diesem archetypischen Helden wurde. Dem modernen Helden steht diese befreiende Möglichkeit nicht offen; er muss die Geschichte bewusst und freiwillig ständig neu für sich erschaffen. Gleichzeitig hat er jedoch immer weniger Gelegenheit dazu, denn die Geschichte wird von jenen gemacht, die an der Spitze der Pyramide stehen, nicht von denen an der Basis. Durch die selbstentfremdende gesellschaftliche Konditionierung, die nicht mehr hinterfragt wird, ist es dem potentiellen Helden unmöglich, spontan aus seinem authentischen Selbstgefühl heraus zu handeln. Das vielleicht grausamste Vermächtnis der sicherlich grausamsten Religion, die Menschen je auferlegt wurde, ist die Behauptung, dass sie als Sünder auf die Welt kämen. Laut der christlichen Priesterschaft - und im völligen Gegensatz zu den ursprünglichen Lehren Christi - ist das Leben bereits dem Wesen nach böse, und zwar wegen der Erbsünde. In Europa tragen die Frauen seit fast zwei Jahrtausenden las Stigma der Sünderin. Unter der Herrschaft der Priester ist es offenbar unmöglich, unser von Grund auf sündiges Wesen zu verändern, ebensowenig vie wir etwas an der ewigen Strafe der christlichen Hölle ändern können. Somit wuchsen die Menschen Europas und die späteren Kolonisatoren der Neuen Welt in der Überzeugung heran, dass niemand in seinem Urzustand annehmbar sei. Aber nicht nur das menschliche Wesen musste - notfalls durch Gewalt - verändert werden, sondern auch die Mutter Natur. Nun wird klar, was der verwundete König bedeutet: Indem die Menschen versuchten, zu etwas zu werden, das sie nicht waren, wurde ein ganzes Volk in einen Zustand der Schizophrenie und der Schuld getrieben. Auch heute noch tragen wir schwer an dieser Last. Der heroische Akt unserer Zeit besteht - ebenso wie zur Zeit Parzivals - darin, seinem Inneren zu vertrauen und ihm gemäß zu handeln. Dem weitsichtigen Mythologen Joseph Campbell verdanken wir die Einsicht, dass einer der großen Helden der achtziger Jahre unseres Jahrhunderts Luke Skywalker aus den Krieg-der-Sterne-Filmen war. Mitten in einer wilden Schlacht wird ihm befohlen, all seine komplizierten und roboterhaften Geräte abzuschalten und sich »der Macht« zu überlassen - seinem eigenen Inneren. Und diese Macht ist die Natur. Wie Skywalker musste Parzival darauf vertrauen, dass sein Pferd - seine innere Intuition - ihn dorthin bringen würde, wohin er gehen sollte. Mehr besagt die Gralsbotschaft nicht. Aber es ist
eine überzeugende, ausschließlich westliche Botschaft von großer
transformativer Kraft, und zudem die radikalste, die über die letzten
achthundert Jahre hinweg vermittelt worden ist. Gerade jetzt sollte sie
dringend wieder aufgegriffen werden. Wenn der heutige Held seinem inneren natürlichen
Fluss vertraut, wird die Fülle der Natur plötzlich den Raum einnehmen, den das
»falsche Selbst« belegte. Dabei dürfen wir nicht vergessen, dass Helden im eigentlichen
Sinne jene sind, die ihr Leben einer Sache weihen, die größer ist als sie
selbst. Die Frage
n unserem Bemühen, die wahren Ziele der Gralssuche zu ermitteln, hat sich nun der Kreis geschlossen. Wie wir gesehen haben, besteht das grundlegende Thema des Grals, wie es in allen keltischen Berichten wiederholt wird, darin, dass sich die beiden Prinzipien der Göttin und des Heldenkönigs vereinen. Dies ist die Grundvoraussetzung für das Paradies. Es ist ein alter, großer Traum der Menschheit, ein Paradies nach ihren eigenen Vorgaben zu schaffen, in dem es alles Wünschenswerte gibt, aber keine der unerwünschten Aspekte der sozialen, wirtschaftlichen sowie der spirituellen Welten. Das Problem dabei ist allerdings, dass die hierarchische Struktur der letzten 5000 Jahre sich fest etabliert hat und unsere innere Konditionierung uns deshalb nicht gestattet, diesen Rahmen zu verlassen. Somit fallen selbst Menschen mit den besten Absichten dem Herrschaftssyndrom zum Opfer. Von den Spartanern im Griechenland der Antike bis zu den Owenite-Gemeinschaften im Amerika des 19. Jahrhunderts haben nur wenige Versuche, ein Paradies auf Erden zu schaffen, länger überdauert. Es ist ein Beweis für die Kraft des weiblichen Prinzips, dass die amerikanischen Shaker-Gemeinschaften am längsten bestanden. Sie wurden von einer Frau gegründet und beruhten auf den Prinzipien von Kooperation, Gleichheit und dem gemeinschaftlichen Leben. Den Shakern gelang es beinahe, ihren Traum zu verwirklichen, doch leider wichen sie dem einen heiklen Thema aus, das alle Menschen auf der spirituellen Suche belastet - der Sexualität. Sie lösten das Problem, indem sie seine Existenz leugneten. Doch ein Leben im Zölibat ist nicht immer gleichbedeutend mit dem Paradies und führt auch nicht unbedingt zu dauerhaften Gemeinschaften. Heute stehen wir vor eben der Frage, die der Held stellen musste, als er den verwundeten König sah und die seltsame Zeremonie verfolgte, die das Leiden des Königs symbolisch darstellte. Der Held hätte nur »Was fehlt Euch, Oheim?« zu fragen brauchen, und der Bann, der auf dem Reich und dem König lag, wäre sofort gebrochen worden. Wenn ein realer, historischer Held gefragt hätte, was den Menschen Europas im 12. und 13. Jahrhundert wirklich fehlte, hätten die Grauen der Kreuzzüge gegen die Albigenser, die Inquisition und die Unterdrückung aller weiblichen Macht vielleicht verhindert werden können. Doch jeder, der Fragen stellte, wurde unbarmherzig verfolgt, und die männliche Herrschaft konnte den Siegeszug antreten, versinnbildlicht durch die Ritter des Nordens und der Kirche Petri und Pauls. Für die nächsten achthundert fahre fiel Europa dem Alptraum des wüsten Landes anheim. Und im Bann dieses Alptraums sind wir noch heute gefangen. Er zeigt sich in Gestalt von Kriegen, von fanatischen Fehden zwischen Religions- und Völkergemeinschaften, einem hohlen Materialismus, einer Technologie, die die Welt noch stärker aufteilt und die außer Kontrolle geraten ist, und einer untergründigen Gewalttätigkeit, die jederzeit ausbrechen kann. Angesichts einer Zukunft, die schon jetzt eine Übervölkerung, eine Umweltverschmutzung und -Zerstörung verheißt, besteht ein Gefühl von Hoffnungslosigkeit. Wir empfinden den gleichen Verlust wie vor achthundert Jahren - den Verlust des weiblichen Gleichgewichts, der Empfänglichkeit für. die zyklischen Rhythmen der Jahreszeiten, des inneren und äußeren Wachstums und der Fürsorge. Alle ökologischen Hilfsmaßnahmen werden unsere tief verwurzelte Überzeugung, die Natur beherrschen und kontrollieren zu müssen, nicht verändern. Die Stimmen der Brunnen sind nicht vernehmbar über dem Kreischen der Kreissägen, die die Lungen unseres Planeten vernichten, und über dem Rattern der Computer, die die Gewinne der multinationalen Konzerne in endlosen Statistiken ausdrucken. Die Stimmen, die für eine Kooperation mit der Natur sprechen, sind noch zu wenige. Was können wir also tun? Enthalten die
Legenden, die wir untersucht haben, eine Botschaft, die uns die Frage
beantwortet, wie wir vorgehen sollten? Der Geist des Tales
Der
Geist des Tales ist unvergänglich. Er heißt das mystisch Weibliche. Das
Tor zum
mystischen Weiblichen Ist
die Wurzel von
Himmel und Erde. D ies sind die Worte des chinesischen Mystikers und Weisen Lao Tse. Der Legende nach ist er der Begründer des Taoismus, aber wie bei Christus gibt es keine historische Aufzeichnungen über diesen Mann - bis auf seine Lehren, die im Tao te king, im »Weg des Tao«, festgehalten sind, aufgeschrieben vor 2500 Jahren. Lao Tse sagt wiederholt, dass die Existenz ihrer Natur nach wie eine Frau ist. Damit meint er nicht, dass die Natur weiblich sei, sondern dass die Natur eine weibliche Empfänglichkeit besitze. Die Existenz ist ein Schoß, und der Mystiker nimmt einen Teil dieses empfangenden, gebenden und schützenden Wesens in sich auf. Die östlichen Religionen des Buddhismus, des Dschainismus und des Hinduismus sind mehr dem weiblichen Weg verbunden und deshalb wesentlich gewaltfreier als die westlichen, männlich ausgerichteten Religionen. Der Geist des Tales ist der Geist der Leere. Lao Tse begreift ihn als eine Senke zwischen zwei Gipfeln, ebenso wie Perce ä Val die die Durchquerung eines Tales bedeutet. Die Frau ist dass Tal, während der Mann den Gipfel darstellt; eines ist empfangend, das andere handelnd. Offenbar besteht eilt großes Ungleichgewicht im Bedürfnis des Mannes zu handeln, und seinem» Wunsch, sich seine Existenz zu beweisen. Die Frau hingegen ist ausgewogener und ruhiger. Ihr Schoß ist mit dem Lebenszyklus verbunden, der sie umgibt. Dieser Lebensfluss durchströmt! sie auf eine Art, die Männern unbekannt ist und ihnen verwehrt bleibt. Der Mann ist ein Nomade, der ständig unterwegs sein muss und sich wie ein Vagabund auf ewiger Wanderschaft befindet. Die Frau kann - wie die Natur -eher zulassen, dass alles zu seiner Zeit geschieht, denn sie nimmt viel mehr am Lebensfluss teil als der Mann. Schon rein körperlich erlebt sie die Phasen des Mondes, den menstruellen Zyklus ihres Körpers und den Kreislauf, Leben auszutragen, zu gebären, zu ernähren und zu erneuern. Indem die Frau den inneren Fluss des Lebens akzeptiert, steht sie unter weitaus geringerer Spannung als der Mann. Auch von den beiden untersuchten Gesellschaftsmodellen kann man behaupten, dass sie nach diesem natürlichen System von männlich und weiblich funktionieren. Es ist kein Zufall, dass die ersten Gesellschaften, die sesshaft wurden, matriarchal und matrilokal waren. Und es überrascht auch nicht, dass die Gruppen, die diese Tal-Kulturen zerstörten, nomadische Männer waren, die sich beständig durch Gefahren und Tod beweisen mussten. Das Tao ist ein leeres Gefäß. Es ist unerschöpflich. Unergründlich. Die Analogie der Leere wird im Tao te king
immer wieder angeführt. Für Lao Tse sind ein goldener und ein irdener Topf
gleichwertig in bezug auf die Leere, die sie umschließen. Das gleiche gilt für
einen Sünder oder einen Heiligen. Die sichtbaren Handlungen sind keine
Entsprechungen der inneren Leere.
Und für Lao Tse ist diese innere Leere in Wahrheit die Existenz selbst. Dasein
ist kein Ding oder eine Reihe von Dingen, sondern ein Nicht-Ding, also nichts.
Und die Natur erscheint aus diesem Nichts, ebenso wie nur ein leerer
Raum mit Möbeln gefüllt werden kann. Auch der Gral ist ein leeres Gefäß.
Er ist das Prinzip der Empfänglichkeit, und damit kann er - wie wir gesehen
haben - für jeden Menschen jede mögliche Bedeutung annehmen. Darum sagte
man auch von dem Gral, dass er jeden mit dem ernährte, »was er begehrte«. Der
Suchende des 20. Jahrhunderts
Dieser Ort ist das Lotus-Paradies Dieser Körper ist der Buddha Weisheit der Zen-Buddhisten
olfram von Eschenbach war von der Richtigkeit eines spontanen, natürlichen Verhaltens überzeugt. In dieser Hinsicht war er der erste, wenn nicht der einzige westliche Taoist. Jedes Mal, wenn Parzival die Zügel seines Pferdes schleifen lässt, entspannt im Sattel sitzt und mit jedem Ort zufrieden ist, an den ihn sein Pferd trägt, wendet sich alles zum Besten. Doch sobald er die Kontrolle übernimmt und der natürlichen Ordnung sein überlegenes Wissen aufzwingt, verliert er sich im wüsten Land. Das kürzlich erwachte große Interesse und die Faszination an den Prinzipien des Tao gehen seltsamerweise auf wissenschaftliche Grundlagen zurück. Viele Physiker stellen fest, dass die Einsichten dieser uralten »Religion der Natur« mit ihren eigenen naturwissenschaftlichen Entdeckungen in Laboratorien und an mathematischen Modellen übereinstimmen. Nach Erkenntnissen der theoretischen Quantenphysik sieht die Materie zunehmend wie eine Leere aus, ein unendliches Gefäß, aus dem Formen - oder zumindest die Illusion von Formen - entstehen. Wolframs große kreative Einsicht bestand darin, dass er die Gralsjungfrau einen gestaltlosen Lapis exilis tragen ließ, in dem die Natur ihre Jahreszeiten und ihre einzigartige Gestalt entfalten konnte. Damit dieser Reichtum in ihn eingehen konnte, brauchte Parzival nur all seine Konditionierung und Programmierung aufzugeben. Im Gegensatz dazu erfasst sein heidnischer Bruder Feirefiz - der weniger christlich und ritterlich programmiert ist und damit der Natur näher steht - die Schönheit der Gralsträgerin und ihre Empfänglichkeit sofort. Im Grunde war die Taufe für ihn unnötig; was er wirklich brauchte, war das Wasser aus der unversiegbaren Quelle des Grals, das ihm die Augen für die tiefere Leere öffnete. Wolfram lässt in seiner Dichtung hieran keinen Zweifel. Das neue metaphysische Zeitalter, das in der westlichen Welt angebrochen ist, hat sich zu einem Supermarkt für alles Spirituelle entwickelt. Alle Suchenden bemühen sich verzweifelt, sich zu verwandeln, jeder Guru, jeder Therapeut und jeder Priester erklärt uns, dass wir mit nur ein wenig Bemühen jedes Ziel erreichen können, das wir erstreben, sei es Mokscha, Befreiung, ein höheres Bewusstsein, mediale Fähigkeiten oder Erleuchtung. Aber wie nicht anders zu erwarten, ist diese neue Priesterschaft ebenso in der altvertrauten Pyramidenhierarchie verhaftet wie die Päpste des 13. Jahrhunderts. Die metaphysische Priesterschaft unseres Jahrhunderts behauptet, sie könne uns alle in etwas Außergewöhnliches und Besonderes verwandeln; Parzival hingegen wurde ständig zu Demut angehalten. Erst als er aufhörte, der größte Ritter zu sein, der sich auf der heiligsten Suche nach dem bedeutendsten Gegenstand der Welt befand und dabei den größten Gott verwarf ... siehe da! Plötzlich fand es ihn. Der
Gral füllt sich
olfram beschrieb das Handeln des Ego und dessen verzweifeltes Bedürfnis, außergewöhnlich zu sein. Und das Ego ist der Stützpfeiler des Herrschaftsmodells. Dieses System ist dermaßen in uns verwurzelt, dass wir nicht erkennen können, wie sehr wir selbst uns in diesem wüsten Land spiegeln. Doch ebenso wenig erkennen wir die Hauptursache für die Unfruchtbarkeit und den Mangel an Selbsterkenntnis. Doch beides hat den gleichen Ursprung - das Ego. Es gibt keine andere Möglichkeit, uns aus eigenem Antrieb von diesem falschen Selbst zu befreien, als uns dessen bewusst zu werden und uns mehr mit der Leere zu identifizieren als mit der sie umgebenden Form. Die letzten fünftausend Jahre hindurch haben wir uns offenbar dafür entschieden, mit dem üppigen goldenen Gefäß identifiziert zu werden, das über und über mit kostbaren Edelsteinen besetzt ist. Jetzt ist es an der Zeit, einen Blick in die darin enthaltene Leere zu werfen, denn das ist die Quelle der Heilung, die Quelle der Ganzheit, der Gral. Es hat den Anschein, als biete Lao Tse einen der wenigen vernünftigen Hinweise auf die entscheidende Frage »Was fehlt Euch, Oheim?« Unsere Krankheit besteht in der Unmöglichkeit, uns so zu akzeptieren, wie wir sind. Offenbar können wir uns nicht einfach als natürlich und naturgegeben hinnehmen, so, wie die gesamte Existenz natürlich und naturgegeben ist. Wenn wir spontan handeln können, ohne das Glaubenssystem anderer Menschen zu übernehmen, dann können wir selbst die Frage stellen. Dann ist das Gefäß des Grals einen Augenblick lang leer - und im nächsten Moment mit der Pracht und der Herrlichkeit aller Dinge erfüllt. |