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     update:  27.12.11   

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Ausschnitte aus dem Sachbuch:
DER HEILIGE GRAL, Ursprung, Geheimnis und Deutung einer Legende
   Von Malcom Godwin

 

                            

Kapitel Drei

 

Das Wüste Land

- ein Schwert im Paradies -

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u Anfang dieses Buches gingen wir kurz auf die friedliche    Agrargesellschaft ein, die vor 6000 Jahren existierte und von einem aggressiven Nomadenvolk mit Krieg überzogen wurde, das durch das Schwert lebte. Archäologen stießen bei Ausgrabungen in verschiedenen Erd­schichten unerwartet auf Waffen und Befestigungsanlagen, die scheinbar mit einem Schlag aufgekommen wa­ren, und zwar an Orten, an denen es in den vorhergehenden sechs Jahrtausenden nichts Vergleichbares gegeben hatte, im Mittelalter wurde wohl kaum eine kollektive Erinnerung an diese Er­eignisse wachgerufen; dennoch stellte das Motiv des wüsten Landes in dieser Zeit ein immer wiederkehrendes, be­drohliches Thema dar und erhielt stän­dig neue Nahrung von den Mythen, die vom Nahen Osten und aus dem mauri­schen Spanien nach Europa eindran­gen. Außerdem sollten wir nicht den keltischen Beitrag vergessen, wie er in den Erläuterungen dargelegt wird.

Trotzdem muss der Anblick der öden arabischen Wüsten und der nordafrika­nischen Dünen den europäischen Pilgern und Kreuzfahrern einen immensen Schock versetzt haben. Jene Völker des Ostens, die sich noch nicht zum Islam bekehrt hatten und nach wie vor die Göttin verehrten, waren der Ansicht, die riesigen Wüsten seien auf die Ab­wendung von der Großen Mutter zurückzuführen, die dem Land seine Fruchtbarkeit entzogen habe. Es herrschte die weitverbreitete Angst, Europa könnte dasselbe Schicksal widerfahren. Allerdings war das symbolische wüste Land weitaus gefährlicher. Es be­deutete nichts weniger als den spiritu­ellen Tod, bei dem sich eine tiefe Kluft auftat zwischen religiösen Anschauungen einerseits und Gefühlen und Er­fahrungen des realen Lebens anderer­seits. Die Ankunft des Mahdi, des er­sehnten Ritters, wurde im 12. und 13. Jahrhundert je nach Tradition und Reli­gion als das zweite Kommen Christi gedeutet oder als die langerwartete Wiederkehr König Artus’, Merlins oder eines anderen mächtigen Helden, der sich den Unterdrückern widersetzen würde.

Herrscher  

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n praktisch jeder Version der Gralslegende besteht das Ziel der Suche letzt­lich darin, das Paradies entweder  wiederherzu­stellen oder das wüste Land in dieses Paradies zu verwandeln. So weit ist dieses Thema ein durchaus gängiger Märchenstoff, dessen Zauber stets auf einer radikalen Verwandlung beruht. Doch im Gralsmythos haben sowohl das Land als auch das innere Leben der Gestalten ihren ursprünglichen pa­radiesischen Zustand verloren. In allen Versionen werden Gründe für diesen Verlust angeführt, und immer erfahren wir auch, was der Held zu tun hat, um das Paradies auf Erden wiederherzu­stellen.

Wie wir gezeigt haben, entsprechen die jeweiligen Heilmittel in etwa den drei Zweigen des Grals. Für die Kelten bedeutete die Heilung eine Erneue­rung der lebensspendenden Kraft des Landes und des Königs. Um den An­forderungen der christlichen Erlösung zu genügen, wurde dieser zyklische, in den Lauf der Jahreszeiten eingebettete Glaube abgewandelt. In dieser histori­schen Version kann die Ursünde des Ungehorsams, die zu Anfang aller Zei­ten begangen wurde, nur durch einen neuen Christus gesühnt werden, der am Ende aller Zeiten in Gestalt eines reinen Ritters wie Galahad erscheint. Der letzte, eher »alchimistische« Zweig der Legende stellt eine Synthe­se seiner beiden Vorgänger dar; nun kann die Heilung der Wunde nur durch die radikale Verwandlung des Indivi­duums zu einem vollkommenen We­sen bewirkt werden, das sowohl das Männliche als auch das Weibliche in sich trägt.

All diese Lösungen sind in sich durchaus schlüssig und sinnvoll, aber sie wurden vor achthundert Jahren entworfen, und seitdem hat man viele Erkenntnisse über gesellschaftliche Verhaltensmuster gewonnen, die je­mandem wie Wolfram nicht zur Verfü­gung standen. Um festzustellen, wie das ursprüngliche Paradies auf Erden ausgesehen haben mag und was historisch tatsächlich oder möglicherweise geschah, müssen wir zuerst die zwei Modelle der gesellschaftlichen Interak­tion untersuchen - das Herrschaftssy­stem und das kooperative Modell.

Die Pyramide

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as hierarschiche Herrschaftsmodell sozialer In­teraktion stellt man sich vielleicht am besten als Pyramide oder Berg vor. Es enthält eine Reihe gleichermaßen bedeutsamer Aspekte oder Charakteristika. Zum Beispiel beinhaltet jede Herrschaftsform in sich eine Hierar­chie, ebenso wie jedes in Rangstufen gegliederte System ein Herrschaftsmo­dell darstellt. Ebenso impliziert jedes hierarchische Modell die Manipulati­on, es stiftet Uneinigkeit und ist in Schichten und Klassen strukturiert. Dieses System bedingt stets, dass ein Teil der Gesellschaft sich von der Rest­bevölkerung absondert und die Anord­nungen, Anforderungen oder Wünsche des Herrschers an der Spitze der Hier­archie durchsetzt und überwacht. Die­se Elite, die die Gestalt einer Bürokra­tie, einer Armee, einer Priesterschaft oder einer Polizei annehmen kann, ist per Definition ebenfalls ein autoritäres hierarchisches Modell.

Ähnlich kommt es in jedem Herr­schaftssystem zu einer verstärkten Spe­zialisierung der Rollen und Fähigkeiten innerhalb  des  beherrschten   Ge­sellschaftsteils. Wenn es in einer Ge­sellschaft also spezialisierte Klassen oder Gruppen gibt, können wir davon ausgehen, dass diese Gesellschaft nach dem Herrschaftsmodell operiert.

Ein solches System kann nur funk­tionieren, wenn viel Wohlstand erzeugt wird. Dieser kann in Form von Produk­ten entstehen, die von der großen Masse an der Basis der Pyramide her­gestellt werden, oder das System kann sich Wohlstand und neue Techniken aneignen, indem es sie anderen durch Eroberung und Plünderung entreißt. Tragischerweise ist dies das einzige Modell, das in den letzten fünftausend Jahren zum Zug gekommen ist.

Für die gesellschaftliche Interaktion ist es gleichgültig, welche Gruppen herrschen bzw. beherrscht werden. Die empfindlichsten und am ehesten be­troffenen Strukturen sind diejenigen von Geschlecht, Rasse, Religionszu­gehörigkeit, Nation und Klasse oder sogar alle gleichzeitig. Für uns ist au­genblicklich das Herrschaftssystem des Geschlechts von größtem Interesse. Doch was die Auswirkungen betrifft, macht es kaum einen Unterschied, ob die Herrschaftsform matriarchalisch oder patriarchalisch ist, ebenso wie es nichts verändern würde, wenn die Schwarzen die Weißen beherrschten. Es gäbe nach wie vor eine herrschende und eine beherrschte Gruppe.

Die in den letzten fünftausend Jahren unbarmherzig praktizierte Unter­drückung der Frauen und ihre Entfer­nung aus praktisch allen selbst­bestimmten Machtpositionen ist ein erschütternder Anklagepunkt gegen die männliche Herrschaftsstruktur.

Andererseits ist das selbstregulati­ve Element dieser Gesellschaftssyste­me derart ausgeprägt, dass die be­herrschte Gruppe - wenn sich die erwünschte Ordnung erst einmal eta­bliert hat (in diesem Fall die männli­che Herrschaft) - so stark unterdrückt wird und so sehr darauf konditioniert ist, diesen Zustand zu akzeptieren, dass sie das System selten, wenn über­haupt, hinterfragt.

Ein weniger augenfälliges, wenn­gleich ebenso heimtückisches Anzei­chen dieser Sozialform ist die unver­meidliche Kluft, die sich zwischen dem technischen Fortschritt eines Volks und seiner gesellschaftlichen und kul­turellen Entwicklung auftut. Dies zeigte sich im Mittelalter in den Waffen, Bur­gen und Festungen, die zur Erhaltung des gesellschaftlichen Status quo not­wendig waren. Was könnte trennender wirken als eine befestigte Bastion, was hält eine Person mehr von ihren Mit­menschen fern als eine Rüstung oder eine tödliche Waffe?

Diese schizophrenen Trennungen ziehen sich durch alle Aspekte des Herrschaftsmodells, und jede Tren­nung führt zu neuen Hierarchien der Abhängigkeit. Der Staat ist vielfach vom Spirituellen getrennt, das Heilige vom Weltlichen, das Männliche vom Weiblichen, Individuen voneinander, die linke Hemisphäre von der rechten, das Individuum von seiner eigenen Entscheidungsgewalt. Dieses System ist bereits dem Wesen nach geprägt von Zwang, Manipulation, Konkurrenz, Gewalt und Krieg.

Für den Mystiker bestehen die Schutzmauern dieses Systems in der Entwicklung eines falschen, abgetrenn­ten Selbstgefühls, das Ego genannt wird. Meist führt dieser Zustand zur Entstehung von Misstrauen, Angst und einer auf den Tod ausgerichteten Le­bens- und Weltsicht. Zu der Zeit, als die Gralslegenden niedergeschrieben wurden, zogen zwar lediglich die ersten dunklen Wolken auf, doch schon wenig später senkte sich über Europa die Fin­sternis, die den ganzen Kontinent in den Abgrund der Inquisition, der Ver­folgung von Häretikern und des schwarzen Todes stürzte.

Doch die Warnungen der Gralsle­genden vor dem Kommen des wüsten Landes waren ungehört verhallt.

Partner im Paradies

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Eit fünf Jahrtausenden kennen wir ausschließ­lich das Herrschaftssy­stem, doch über ein gleichberechtigtes   Mo­dell sozialer Interaktion schweigen sich die Lehrbücher aus. Das kann kaum überraschen, ist doch jedes Herr­schaftssystem bestrebt, alle Hin­weise auf ein alternatives Modell der Gleichberechtigung auszu­merzen. Die wenigen uns verfügbaren Beweise für ein solches System bestehen vorwiegend aus wider­sprüchlichen Andeu­tungen von Archäolo­gen   und   Anthro­pologen. In den letzten dreißig Jahren jedoch ist ein völlig neues Bild zum Vorschein gekommen, das eine sehr alte, sogenannte primitive Zivilisation beschreibt. Dort lebten die Menschen offenbar glücklich und in Übereinstimmung mit ihrer Um­gebung, und so müssen wir uns fragen, ob nicht wir die unglückseligen, primi­tiven Barbaren sind.

Aus den archäologischen Funden, die in den letzten dreißig jähren zutage traten, können wir Schlüsse darauf ziehen, wie die neolithischen Völker des alten Europas, Mesopotamiens und Kretas lebten. Daraus geht klar hervor, dass das vereinigende Band zwischen diesen Völkern nicht der Krieg war, sondern die Göttin. Natür­lich gilt es im Augenblick als fort­schrittlich, ein Loblied auf die Tu­genden dieser vagen und doch kraftvollen Gestalt zu singen, was eine Überreaktion auf ihre jahrtausendelange   Unter­drückung sein mag. An­dererseits  lässt  sich nicht leugnen, dass es die große Göttin in jeder dieser frühen  Gesellschaften gab und ihr Bild in allen Aspekten des  täglichen Lebens auf­tauchte. So tritt sie nicht nur in der Form der gebärmutterförmigen Öfen zutage, in denen die Krüge gebrannt wurden, sondern auch in den Mustern, die diese Gefäße ver­zierten. Ihr nährendes, erneuerndes Wesen durchdrang und reflektierte die natürliche Welt. Die Welt wurde als das Weibliche gesehen, und das Weib­liche als die Welt. Ihr lebenspendender und -bejahender Geist war dem Wesen nach ein ganzheitlicher. Natür­lich muss diese schützende, gebärende und fürsorgliche Weltsicht auch beherrschend gewesen sein, doch deswe­gen galt das Männliche keineswegs als minderwertig, sondern wurde ohne Frage als lebensnotwendig für die Ge­sundheit des Ganzen betrachtet.

Dieses kooperative oder partner­schaftliche System hatte Gleichheit und gemeinsam getragene Verantwortung zur Folge. Da ein solches System notwendigerweise auf Vertrauen und gegenseitiger Fürsorge beruht, nimmt es verständlicherweise eher die weibli­chen Aspekte der Mutter an - die nährende Qualität der Empfänglichkeit und eine konservierende, zyklische und regenerative Sicht der Existenz und we­niger die innovativen, linearen Gedan­ken von Veränderung. Neue Techniken kamen nur langsam auf und wurden eher aus augenblicklicher Not geboren als aus einem langfristigen Planen für die Zukunft. Kontinuität gewährleiste­ten die Ältesten, das heißt die weisen Frauen und Männer. Im Herrschaftssy­stem des 13. Jahrhunderts allerdings erreichten nur wenige Menschen ein hohes Alter. Die Besiegten wurden als unnütze Esser getötet. Das Auf und Ab in den Geschicken von Königen und ihren Höfen, von Päpsten und Häupt­lingen sowie die daraus resultierenden Fehden begünstigten kaum ein langes Leben, das mit einem natürlichen Tod endete.

Eine Gemeinschaft, die nach dem Prinzip der Kooperation funktioniert, verändert ihre Lebensweise nur lang­sam. Agrarisch ausgerichtete Kulturen sind meist ortstreu und dehnen sich nur innerhalb des ihnen bekannten Raums aus. Doch im Verlauf großer Zeitabschnitte, und wenn beide Ge­schlechter gleiche Möglichkeiten be­saßen, konnten Neuerungen sehr plötzlich und gehäuft auftreten. Histo­riker mussten mit einiger Überraschung feststellen, dass die Phasen der größten Innovation und der höchsten kulturel­len Energie gleichzeitig auch Epochen waren, in denen Frauen ein ungewöhn­lich hohes Ansehen genossen. Die Hö­fe von Eleonore von Aquitanien und Marie de Champagne sind gute Bei­spiele dafür, und zwar zu jener Zeit, als die Gralslegenden geschrieben wur­den; weitere Beweise sind das Elisabethanische Zeitalter in England und die italienische Renaissance.

Kooperative

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in modernes Beispiel, an dem man die Funktions­weise des kooperativen Systems gut beobachten kann, sind die Shaker, zweifellos die langlebigste und wichtig­ste der verschiedenen Religionsge­meinschaften, die im Amerika des 18. und 19. Jahrhunderts ein Paradies auf Erden schaffen wollten.

Gegründet wurde diese Sekte, die sich von den Quäkern abgespalten hat­te, von einer Frau - was nicht über­rascht. Für Ann Lee stellte jede ihrer dörflichen Gemeinschaften buchstäb­lich einen kleinen Teil des Gartens Eden dar. Mitte des 19. Jahrhunderts war die Mitgliederzahl der Gemeinden auf sechstausend angewachsen.

Die Sozialstruktur der Shaker be­ruhte auf dem klassischen System von Kooperation und Partnerschaft. Das gemeinsame Ideal war eine für damali­ge Zeiten höchst ungewöhnliche Theo­logie, die sowohl einen Gott Vater als auch eine Göttin Mutter umfasste. Die­se Gottheiten waren spirituell gleich­wertig, und entsprechend herrschte zwischen den Geschlechtern in diesen Gemeinschaften absolute Gleichheit, obwohl im Ältestenrat meist Frauen die Führung übernahmen.

Mittelpunkt ihres Lebens bildeten die religiösen Zusammenkünfte, die mit den wirbelnden, schüttelnden Tänzen und den daraus resultierenden Trancezuständen gefeiert wurden, in denen jeder Anwesende zum Medium für die Worte des Vaters oder der Mut­ter werden konnte. Zwar hatten die Mitglieder sehr bescheidene materiel­le Bedürfnisse und nur wenige Besitz­tümer, doch ihr Leben war offenbar überaus erfüllt und reich. Handwerkli­ches und kunsthandwerkliches Ge­schick genossen hohen Stellenwert, und die traditionellen Häuser der Shaker sowie ihre sehr elegant wirken­ den Möbel sind ein Beweis für ihre oft ekstatische und lebensbejahende Ein­stellung. Die Dörfer waren schön an­gelegt, und die Mitglieder arbeiteten technisch sehr innovativ. Ein Beispiel für die kreative Energie in einer stark weiblich geprägten Gemeinschaft ist Schwester Tabitha Babbit, die 1810 die mechanisch betriebene Kreissäge erfand.

Das Streben nach Glück

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ie Schilderungen vom Le­ben der Shaker könnten mit einigen Abwandlun­gen auch die Strukturen der Gemeinschaften im neolithischen Europa beschreiben, auch diese lebten vom Land und waren geschickte Handwerker und Handwer­kerinnen. Zwar verehrten die neolithi­schen Gemeinschaften offenbar nur ei­ne Göttin - allerdings in ihren vielfälti­gen Aspekten -, doch in den späteren Kulturen auf Kreta wurden anschei­nend die beiden ineinandergreifenden Lebensprinzipien des Männlichen und des Weiblichen anerkannt. In diesem Inselparadies gesellte sich zur Schlan­gengöttin ein Stiergott; die Schwange­re Göttin des Landes wurde mit ihrem Sohn oder dem Jährlichen Gott verbun­den. Dies entspricht dem Doppelprin­zip der Shaker von Gott Vater und Mut­ter Göttin.

Es ist wohl kaum ein Zufall, dass vie­le der Experimente gemeinschaftlichen Lebens, die im Amerika des 18. und 19. Jahrhunderts florierten, religiös geprägt waren und Gleichberechtigung prakti­zierten. Doch nur wenige von ihnen konnten sich dem aus den Städten kommenden Einfluss der industriellen Revolution entziehen. Doch soweit wir feststellen können, hätten vermutlich auch deren Vorgänger, jene friedfertigen Landbebauer vor über sechstausend von ihrem Schöpfer mit bestimmten un­veräußerlichen Rechten ausgestattet sind, zu denen das Leben, die Freiheit und das Streben nach Gluck gehören«. Das erinnert an die geheimnisvolle In­schrift auf dem Gral, die lautet: »Wenn ein Templer dieser Gemeinschaft durch die Gnade Gottes die Herrschaft über ein fremdes Volk erringt, so soll er ihm zu sei­nen Rechten verhelfen.« Soweit wir wissen, sind beide Aussagen ohne Beispiel in den Annalen der westlichen Welt.

In Memoriam

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en Mythos eines golde­nen Zeitalters, das in ei­nem Paradies auf Erden bestand und in dem alle Lebewesen in Überein­stimmung mit ihren Mitlebewesen, der Natur und dem Kosmos in Glück und Zufriedenheit existierten, gibt es in praktisch allen Kulturen unserer Welt. Der Wunsch, zu diesem heiligen, para­diesischen  Garten  zurückzukehren, kann als eine der dringlichsten Sehn­süchte der Menschen bezeichnet wer­den, unabhängig von ihrer Kultur, ihrem Glauben und ihrer geographi­schen Heimat. Es ist, als erinnerten sich alle Völker vage, dass dieses Para­dies tatsächlich irgendwann einmal existiert habe.

In einem Punkt sind die Paradies­mythen der Welt sich verblüffend ähn­lich: Sie alle berichten von einer Zeit, in der die Menschen voll Freude über das Leben, das Land, das Lachen, die Liebe und das Licht des allumfassen­den Geistes lebten.

Liegt einer der Gründe für die Un­sterblichkeit des Gralsmythos mögli­cherweise darin, dass er eine kollektive, unbewusste Erinnerung an dieses Gol­dene Zeitalter anrührt, das tatsächlich einmal bestanden hat? Erinnert er uns vielleicht an all das Schreckliche, wo­durch wir diese Glückseligkeit verloren haben

Im Westen ist das höchste Paradies sicherlich das himmlische. Dies ist der Lohn, den die judaische, die christliche und die islamische Religion verheißen. Das Problem mit den himmlischen Reichen des absoluten Glücks und der Erfüllung besteht darin, dass man sie immer erst nach dem Tod betritt - im Jenseits, nicht im Diesseits. Damit gibt uns die Priesterkaste ein Versprechen, dessen Einlösung höchst ungewiss ist.

Doch auch hier auf Erden wurde immer wieder eine neue Welt des Frie­dens und des Wohlstands in Aussicht gestellt, angefangen von den Ver­heißungen des judaischen Gottes an sein auserwähltes Volk bis hin zu den Versprechungen, die Columbus dem König von Spanien machte. Sowohl Columbus als auch Amerigo Vespucci glaubten fest an ein jungfräuliches, aber irdisches Paradies, das irgendwo jenseits des westlichen Horizonts lag.

Alle Kolonialmächte, die Spanien auf dem Weg zum Paradies folgten, tru­gen in sich den Keim, der den irdi­schen Garten Eden zerstören sollte, so­bald sie ihn betraten. Die Seuche der Alten Welt, die die Kolonialisten in die Neue Welt einschleppten, waren nicht die  vielen  Geschlechtskrankheiten, sondern das weitaus heimtückischere Übel einer Gesellschaft, die schon vor langem aus dem Gleichgewicht geraten war. Als die Europäer auf dem amerika­nischen Kontinent vordrangen, zwan­gen sie ihm genau dasselbe beengen­de, manipulative, wettbewerbsorien­tierte, gewalttätige und kriegerische Herrschaftssystem auf, das den alten Kontinent an den Rand des Ruins ge­trieben hatte. Und dieses selbstregula­tive System war einfach nicht darauf programmiert, sich selbst zu hinterfra­gen. Der Apfel war durch und durch wurmstichig, und Eva musste feststel­len, dass Gott der gleiche misstrauische, auf den Tod ausgerichtete patriarchali­sche Chauvinist war wie derjenige, den sie in der Alten Welt hinter sich gelassen hatte. Ganze zwei Jahrhunderte, nachdem die Gralslegenden die Mög­lichkeit einer Erneuerung und Wieder­belebung des wüsten Landes aufge­zeigt hatten und das spirituelle Er­wachen im Languedoc nahe davor stand, einen Quantensprung zu einer neuen Bewusstseinsebene zu machen, wurde wieder eine großartige Gelegen­heit vertan, ein Paradies auf Erden zu schaffen. Es ist wohl überflüssig zu be­tonen, dass wir heute - kurz vor der Jahrtausendwende - vor einem fast identischen Wendepunkt stehen. Ob es auf unserem Planeten möglich ist, der geistigen Klarheit zum Durchbruch zu verhelfen, die notwendig ist, um diese Kluft zu überbrücken und den Zyklus des wüsten Landes doch noch zu ei­nem Ende zu bringen, ist eine völlig andere Frage.

 

Kapitel vier

Der verwundete König

 

Ein existentieller Held

 

 

Der Mensch von Matt Mahurin. Der Held unserer Zeit wird beherrscht von Zeit, Geld und Informa­tion.

 

B

is jetzt hat die Notwendigkeit, auf den Verlust des weiblichen Prin­zips aufmerksam zu machen, etwas von der ebenfalls dringlichen Wie­dereinsetzung des Helden abgelenkt. Nun jedoch können wir die Rolle des Helden aus einer völlig anderen Per­spektive untersuchen und herausfin­den, mit welchen Mitteln der verwun­dete Monarch geheilt werden kann.

Das Wesen eines Helden und das häufigste Motiv bei seiner immer­währenden Suche bestehen darin, dass er zuerst seinen bisherigen Zustand aufgeben muss, um später zu einem rei­cheren, reiferen Zustand gelangen zu können. Letztlich bewegt sich die Reise eines Helden auf eine Transformation zu, und die Verwandlung, die am Ende des Weges liegt, ist meist eine radikale Bewusstseinsveränderung. Helden und Heldinnen sind Menschen, die ihr Le­ben einer Sache widmen, die über sie selbst hinausweist. Das setzt allerdings voraus, dass der Held und das Ego nicht mehr identisch sind, denn nur dann kann eine heldenhafte Verwand­lung des Bewusstseins stattfinden.

Aber nicht nur der Held folgt die­sem Weg, sondern auch der Mystiker. Sowohl der wahre Held als auch der Mystiker müssen ihrem Ego entsagen und die Vorstellung ihres eigenen Ichs aufgeben, um dann als etwas anderes, größeres, wiedergeboren zu werden. Nur wenn keine egozentrische Identifi­kation stattfindet, kann eine Verwand­lung überhaupt eintreten. Das Schick­sal von Helden besteht darin, auf ihr altes Leben zu verzichten, damit ein neues, höheres oder reiferes Leben an die Stelle der Leere treten kann, die der Verlust des früheren Selbst hinterlässt.

Dieses Heldenmuster zeigt sich auch in der Lebensgeschichte von göttlichen Erlösern wie Jesus Christus: Sie müssen symbolisch oder tatsäch­lich sterben, um wieder aufzuerstehen oder wiedergeboren zu werden. Die al­ten Götter des Nahen Ostens -Adonis, Osiris, Dionysos und Tammuz - folgten alle diesem grundlegenden Muster. Und wie Christus wurden auch sie in Form von Brot gegessen, damit ihre Anhänger an ihrer Wiederauferstehung teilhaben konnten.

Der große Narr Parzival muss ster­ben, damit der neue Parzival den Gral finden kann. Allein durch Leiden sowie die verwandten Erfahrungen von Zwei­fel und Liebe kann Mitgefühl entste­hen. Wie Wolfram sagt, kann nur ein wahrhaft demütiger Mensch Mitgefühl’ empfinden, wobei der Dichter unter De­mut keine äußerliche, fromme Fassade versteht. Wirklich demütig zu sein bedeutet, kein Ego zu haben, das eine Ab­lenkung oder ein Hindernis darstellt. Ein Held ist ein spirituelles Wesen, weil er einen größeren Teil des Ganzen an die Stelle seines individuellen Ego setzt - und das bedeutet nichts weniger als’ den Tod dessen, was man für sein Selbst hält. Dies kann ein freiwilliger Akt der Selbstaufopferung sein, wie bei einem Erlöserhelden wie Christus. Der Tod kann auch durch eine Initiationsze­remonie ausgelöst werden oder ein spontaner Akt der Liebe oder des Mit­gefühls sein, durch den der Goldbarren plötzlich von selbst in das Vakuum des egolosen Zustands fällt. Aber der Schlüssel zu jeder heldenhaften Tat be­steht darin, das Selbst fahren zu lassen und damit eine Leere zu schaffen, an deren Stelle etwas Größeres treten kann.

Heute ist es allerdings schwierig, sich in bezug auf Heldenhaftigkeit nicht völlig machtlos zu fühlen. Es hat den Anschein, als lebten wir in einer unerträglichen Welt, die von Kriegen, Gewalt und Katastrophen heimgesucht wird und in der wir keinerlei Sinngehalt erkennen. Alles besteht offenbar nur aus dem blinden Zusammenspiel von wirtschaftlichen,    gesellschaftlichen und politischen Kräften, die meist von den Herrschern an der Spitze der Pyra­mide ausgelöst und auf das umwelt­verschmutzte, übervölkerte und mögli­cherweise  gewalttätige   Ungewisse losgelassen werden. Wir haben die Fähigkeit verloren, mit unserem inne­ren Schicksal in Kontakt zu treten, weil wir das Gefühl haben, es sei irgendwo jenseits des Horizonts verlorengegangen.

Der Weg des Helden

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ür die Menschen traditio­neller Gesellschaften be­saßen historische Ereig­nisse an sich  keine Bedeutung.   Archaische Konzepte der Realität waren ahisto­risch, archetypisch und zyklisch. Die Menschen wehrten sich gegen das, was sie als sinnloses Leiden in einem be­deutungslosen Vergehen historischer Zeit ansahen. Sie wehrten sich, indem sie entweder diese Zeit in Ritualen pe­riodisch aufhoben, oder indem sie ihre jeweiligen Kosmogonien wiederholten oder den Ereignissen archetypische Bedeutung beimaßen. Somit konnte der archaische Held glauben, er wie­derhole die Taten von Helden der alten Sagen, wodurch er zu eben diesem ar­chetypischen Helden wurde. Dem mo­dernen Helden steht diese befreiende Möglichkeit nicht offen; er muss die Ge­schichte bewusst und freiwillig ständig neu für sich erschaffen. Gleichzeitig hat er jedoch immer weniger Gelegenheit dazu, denn die Geschichte wird von je­nen gemacht, die an der Spitze der Py­ramide stehen, nicht von denen an der Basis.

Durch die selbstentfremdende gesellschaftliche Konditionierung, die nicht mehr hinterfragt wird, ist es dem potentiellen Helden unmöglich, spon­tan aus seinem authentischen Selbst­gefühl heraus zu handeln.

Das vielleicht grausamste Ver­mächtnis der sicherlich grausamsten Religion, die Menschen je auferlegt wurde, ist die Behauptung, dass sie als Sünder auf die Welt kämen. Laut der christlichen Priesterschaft - und im völligen Gegensatz zu den ursprüngli­chen Lehren Christi - ist das Leben be­reits dem Wesen nach böse, und zwar wegen der Erbsünde. In Europa tragen die Frauen seit fast zwei Jahrtausenden las Stigma der Sünderin. Unter der Herrschaft der Priester ist es offenbar unmöglich, unser von Grund auf sündiges Wesen zu verändern, ebensowenig vie wir etwas an der ewigen Strafe der christlichen Hölle ändern können. Somit wuchsen die Menschen Europas und die späteren Kolonisatoren der Neuen Welt in der Überzeugung heran, dass niemand in seinem Urzustand an­nehmbar sei. Aber nicht nur das menschliche Wesen musste - notfalls durch Gewalt - verändert werden, son­dern auch die Mutter Natur. Nun wird klar, was der verwundete König bedeutet: Indem die Menschen versuchten, zu etwas zu werden, das sie nicht waren, wurde ein ganzes Volk in einen Zustand der Schizophrenie und der Schuld getrieben. Auch heute noch tra­gen wir schwer an dieser Last.

Der heroische Akt unserer Zeit be­steht - ebenso wie zur Zeit Parzivals - darin, seinem Inneren zu vertrauen und ihm gemäß zu handeln. Dem weit­sichtigen Mythologen Joseph Camp­bell verdanken wir die Einsicht, dass ei­ner der großen Helden der achtziger Jahre unseres Jahrhunderts Luke Skywalker aus den Krieg-der-Sterne-Filmen war. Mitten in einer wilden Schlacht wird ihm befohlen, all seine komplizierten und roboterhaften Gerä­te abzuschalten und sich »der Macht« zu überlassen - seinem eigenen Inne­ren. Und diese Macht ist die Natur.

Wie Skywalker musste Parzival darauf vertrauen, dass sein Pferd - seine inne­re Intuition - ihn dorthin bringen wür­de, wohin er gehen sollte.

Mehr besagt die Gralsbotschaft nicht. Aber es ist eine überzeugende, ausschließlich westliche Botschaft von großer transformativer Kraft, und zudem die radikalste, die über die letzten achthundert Jahre hinweg ver­mittelt worden ist. Gerade jetzt sollte sie dringend wieder aufgegriffen wer­den. Wenn der heutige Held seinem inneren natürlichen Fluss vertraut, wird die Fülle der Natur plötzlich den Raum einnehmen, den das »falsche Selbst« belegte. Dabei dürfen wir nicht vergessen, dass Helden im ei­gentlichen Sinne jene sind, die ihr Le­ben einer Sache weihen, die größer ist als sie selbst.

Die Frage

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n unserem Bemühen, die wahren Ziele der Gralssuche zu ermitteln, hat sich nun der Kreis geschlossen. Wie wir ge­sehen haben, besteht das grundlegen­de Thema des Grals, wie es in allen kel­tischen Berichten wiederholt wird, darin, dass sich die beiden Prinzipien der Göttin und des Heldenkönigs ver­einen. Dies ist die Grundvoraussetzung für das Paradies. Es ist ein alter, großer Traum der Mensch­heit, ein Paradies nach ihren eigenen Vorgaben zu schaf­fen, in dem es alles Wünschenswerte gibt, aber keine der unerwünschten As­pekte der sozialen, wirtschaftlichen so­wie der spirituellen Welten. Das Pro­blem dabei ist aller­dings, dass die hierarchische Struktur der letzten 5000 Jahre sich fest etabliert hat und unsere innere Konditionierung uns deshalb nicht gestattet, diesen Rahmen zu verlassen. Somit fallen selbst Menschen mit den besten Ab­sichten dem Herrschaftssyndrom zum Opfer.

Von den Spartanern im Griechen­land der Antike bis zu den Owenite-Gemeinschaften im Amerika des 19. Jahrhunderts haben nur wenige Versuche, ein Paradies auf Erden zu schaffen, län­ger überdauert. Es ist ein Beweis für die Kraft des weiblichen Prinzips, dass die amerikanischen Shaker-Gemeinschaften am längsten bestanden. Sie wurden von einer Frau gegründet und beruhten auf den Prinzipien von Ko­operation, Gleichheit und dem gemeinschaftlichen Leben. Den Shakern gelang es beinahe,    ihren Traum zu verwirk­lichen, doch leider wichen sie dem ei­nen heiklen The­ma aus, das alle Menschen auf der spirituellen Suche belastet - der Se­xualität. Sie lösten das Problem, in­dem sie seine Exi­stenz leugneten. Doch ein Leben im Zölibat ist nicht immer gleichbedeu­tend mit dem Paradies und führt auch nicht unbedingt zu dauerhaften Ge­meinschaften.

Heute stehen wir vor eben der Fra­ge, die der Held stellen musste, als er den verwundeten König sah und die seltsame Zeremonie verfolgte, die das Leiden des Königs symbolisch darstell­te. Der Held hätte nur »Was fehlt Euch, Oheim?« zu fragen brauchen, und der Bann, der auf dem Reich und dem Kö­nig lag, wäre sofort gebrochen worden. Wenn ein realer, historischer Held ge­fragt hätte, was den Menschen Euro­pas im 12. und 13. Jahrhundert wirklich fehlte, hätten die Grauen der Kreuzzü­ge gegen die Albigenser, die Inquisiti­on und die Unterdrückung aller weibli­chen  Macht vielleicht verhindert werden können. Doch jeder, der Fragen stellte, wurde unbarmherzig verfolgt, und die männliche Herrschaft konnte den Siegeszug antreten, versinnbild­licht durch die Ritter des Nordens und der Kirche Petri und Pauls. Für die nächsten achthundert fahre fiel Europa dem Alptraum des wüsten Landes anheim.

Und im Bann dieses Alptraums sind wir noch heute gefangen. Er zeigt sich in Gestalt von Kriegen, von fanati­schen Fehden zwischen Religions- und Völkergemeinschaften, einem hohlen Materialismus, einer Technologie, die die Welt noch stärker aufteilt und die außer Kontrolle geraten ist, und einer untergründigen Gewalttätigkeit, die je­derzeit ausbrechen kann.

Angesichts einer Zukunft, die schon jetzt eine Übervölkerung, eine Umwelt­verschmutzung und -Zerstörung verheißt, besteht ein Gefühl von Hoff­nungslosigkeit. Wir empfinden den gleichen Verlust wie vor achthundert Jahren - den Verlust des weiblichen Gleichgewichts, der Empfänglichkeit für. die zyklischen Rhythmen der Jahreszei­ten, des inneren und äußeren Wachstums und der Fürsorge. Alle ökologi­schen Hilfsmaßnahmen werden unsere tief verwurzelte Überzeugung, die Natur beherrschen und kontrollieren zu müs­sen, nicht verändern. Die Stimmen der Brunnen sind nicht vernehmbar über dem Kreischen der Kreissägen, die die Lungen unseres Planeten vernichten, und über dem Rattern der Computer, die die Gewinne der multinationalen Konzerne in endlosen Statistiken aus­drucken. Die Stimmen, die für eine Ko­operation mit der Natur sprechen, sind noch zu wenige.

Was können wir also tun? Enthal­ten die Legenden, die wir untersucht haben, eine Botschaft, die uns die Fra­ge beantwortet, wie wir vorgehen soll­ten?

Der Geist des Tales

Der Geist des Tales ist unvergänglich. Er heißt das mystisch Weibliche.

Das Tor zum mystischen Weiblichen Ist die Wurzel von Himmel und Erde.

D ies sind die Worte des chinesischen Mystikers und Weisen Lao Tse. Der Le­gende nach ist er der Be­gründer des Taoismus, aber wie bei Christus gibt es keine hi­storische Aufzeichnungen über diesen Mann - bis auf seine Lehren, die im Tao te king, im »Weg des Tao«, festge­halten sind, aufgeschrieben vor 2500 Jahren. Lao Tse sagt wiederholt, dass die Existenz ihrer Natur nach wie eine Frau ist. Damit meint er nicht, dass die Natur weiblich sei, sondern dass die Natur eine weibliche Empfänglichkeit besitze. Die Existenz ist ein Schoß, und der Mystiker nimmt einen Teil dieses empfangenden, gebenden und schüt­zenden Wesens in sich auf. Die östli­chen Religionen des Buddhismus, des Dschainismus und des Hinduismus sind mehr dem weiblichen Weg ver­bunden und deshalb wesentlich ge­waltfreier als die westlichen, männlich ausgerichteten Religionen.

Der Geist des Tales ist der Geist der Leere. Lao Tse begreift ihn als eine Senke zwischen zwei Gipfeln, ebenso wie Perce ä Val die die Durchquerung ei­nes Tales bedeutet. Die Frau ist dass Tal, während der Mann den Gipfel darstellt; eines ist empfangend, das andere handelnd. Offenbar besteht eilt großes Ungleichgewicht im Bedürfnis des Mannes zu handeln, und seinem» Wunsch, sich seine Existenz zu beweisen. Die Frau hingegen ist ausgewogener und ruhiger. Ihr Schoß ist mit dem Lebenszyklus verbunden, der sie umgibt. Dieser Lebensfluss durchströmt! sie auf eine Art, die Männern unbekannt ist und ihnen verwehrt bleibt. Der Mann ist ein Nomade, der ständig unterwegs sein muss und sich wie ein Vagabund auf ewiger Wanderschaft be­findet. Die Frau kann - wie die Natur -eher zulassen, dass alles zu seiner Zeit geschieht, denn sie nimmt viel mehr am Lebensfluss teil als der Mann. Schon rein körperlich erlebt sie die Phasen des Mondes, den menstruellen Zyklus ihres Körpers und den Kreislauf, Leben auszutragen, zu gebären, zu ernähren und zu erneuern. Indem die Frau den inneren Fluss des Lebens ak­zeptiert, steht sie unter weitaus gerin­gerer Spannung als der Mann. Auch von den beiden untersuchten Gesell­schaftsmodellen kann man behaupten, dass sie nach diesem natürlichen Sy­stem von männlich und weiblich funk­tionieren. Es ist kein Zufall, dass die er­sten  Gesellschaften,  die  sesshaft wurden, matriarchal und matrilokal waren. Und es überrascht auch nicht, dass die Gruppen, die diese Tal-Kultu­ren zerstörten, nomadische Männer waren, die sich beständig durch Gefah­ren und Tod beweisen mussten.

Das Tao ist ein leeres Gefäß. Es ist unerschöpflich. Unergründlich.

Die Analogie der Leere wird im Tao te king immer wieder angeführt. Für Lao Tse sind ein goldener und ein irdener Topf gleichwertig in bezug auf die Lee­re, die sie umschließen. Das gleiche gilt für einen Sünder oder einen Heiligen. Die sichtbaren Handlungen sind keine Entsprechungen der inneren  Leere. Und für Lao Tse ist diese innere Leere in Wahrheit die Existenz selbst. Dasein ist kein Ding oder eine Reihe von Din­gen, sondern ein Nicht-Ding, also nichts. Und die Natur erscheint aus die­sem Nichts, ebenso wie nur ein leerer  Raum mit Möbeln gefüllt werden kann. Auch der Gral ist ein leeres Gefäß. Er ist das Prinzip der Empfänglichkeit, und damit kann er - wie wir gesehen haben - für jeden Menschen jede mögliche Bedeutung annehmen. Darum sagte  man auch von dem Gral, dass er jeden mit dem ernährte, »was er begehrte«.

Der  Suchende des  20.   Jahrhunderts

Dieser Ort ist das Lotus-Paradies

Dieser Körper ist der Buddha

Weisheit der Zen-Buddhisten

W

olfram von Eschenbach war von der Richtigkeit eines spontanen, natürli­chen Verhaltens über­zeugt. In dieser Hinsicht war er der erste, wenn nicht der einzige westliche Taoist. Jedes Mal, wenn Parzival die Zügel seines Pferdes schleifen lässt, entspannt im Sattel sitzt und mit jedem Ort zufrieden ist, an den ihn sein Pferd trägt, wendet sich alles zum Besten. Doch sobald er die Kon­trolle übernimmt und der natürli­chen    Ordnung sein überlegenes Wissen aufzwingt, verliert er sich im wüsten Land.

Das   kürzlich erwachte große Interesse und die Fas­zination an den Prinzipien des Tao ge­hen seltsamerweise auf wissenschaftli­che Grundlagen zurück. Viele Physiker stellen fest, dass die Einsichten dieser uralten »Religion der Natur« mit ihren eigenen naturwissenschaftlichen Ent­deckungen in Laboratorien und an ma­thematischen Modellen übereinstim­men.   Nach   Erkenntnissen   der theoretischen Quantenphysik sieht die Materie zunehmend wie eine Leere aus, ein unendliches Gefäß, aus dem Formen - oder zumindest die Illusion von Formen - entstehen. Wolframs große kreative Einsicht bestand darin, dass er die Gralsjungfrau einen gestalt­losen Lapis exilis tragen ließ, in dem die Natur ihre Jahreszeiten und ihre einzigartige Gestalt entfalten konnte. Damit dieser Reichtum in ihn eingehen konnte, brauchte Parzival nur all seine Konditionierung und Programmierung aufzugeben.

Im Gegensatz dazu erfasst sein heidnischer Bru­der Feirefiz - der weniger christlich und ritterlich pro­grammiert ist und damit der Natur näher steht - die Schönheit     der Gralsträgerin und ihre Empfänglichkeit sofort. Im Grunde war die Taufe für ihn unnötig; was er wirklich brauchte, war das Wasser aus der unversiegbaren Quelle des Grals, das ihm die Augen für die tiefere Leere öffnete. Wolfram lässt in seiner Dich­tung hieran keinen Zweifel.

Das neue metaphysische Zeitalter, das in der westlichen Welt angebro­chen ist, hat sich zu einem Supermarkt für alles Spirituelle entwickelt. Alle Su­chenden bemühen sich verzweifelt, sich zu verwandeln, jeder Guru, jeder Therapeut und jeder Priester erklärt uns, dass wir mit nur ein wenig Bemühen jedes Ziel erreichen können, das wir erstreben, sei es Mokscha, Be­freiung, ein höheres Bewusstsein, me­diale Fähigkeiten oder Erleuchtung. Aber wie nicht anders zu erwarten, ist diese neue Priesterschaft ebenso in der altvertrauten Pyramidenhierarchie ver­haftet wie die Päpste des 13. Jahrhun­derts.

Die metaphysische Priesterschaft unseres Jahrhunderts behauptet, sie könne uns alle in etwas Außergewöhn­liches und Besonderes verwandeln;

Parzival hingegen wurde ständig zu De­mut angehalten. Erst als er aufhörte, der größte Ritter zu sein, der sich auf der heiligsten Suche nach dem be­deutendsten Gegenstand der Welt be­fand und dabei den größten Gott ver­warf ... siehe da! Plötzlich fand es ihn.

Der Gral füllt sich

W

olfram beschrieb das Handeln des Ego und dessen verzweifeltes Be­dürfnis,   außergewöhn­lich zu sein. Und das Ego ist der Stützpfeiler des Herrschafts­modells. Dieses System ist dermaßen in uns verwurzelt, dass wir nicht erken­nen können, wie sehr wir selbst uns in diesem wüsten Land spiegeln. Doch ebenso wenig erkennen wir die Haupt­ursache für die Unfruchtbarkeit und den Mangel an Selbsterkenntnis. Doch beides hat den gleichen Ur­sprung - das Ego. Es gibt keine ande­re Möglichkeit, uns aus eigenem An­trieb von diesem falschen Selbst zu befreien, als uns dessen bewusst zu werden und uns mehr mit der Leere zu identifizieren als mit der sie umge­benden Form. Die letzten fünftausend Jahre hindurch haben wir uns offenbar dafür entschieden, mit dem üppigen goldenen Gefäß identifiziert zu wer­den, das über und über mit kostbaren Edelsteinen besetzt ist. Jetzt ist es an der Zeit, einen Blick in die darin ent­haltene Leere zu werfen, denn das ist die Quelle der Heilung, die Quelle der Ganzheit, der Gral. Es hat den An­schein, als biete Lao Tse einen der wenigen vernünftigen Hinweise auf die entscheidende Frage »Was fehlt Euch, Oheim?«

Unsere Krankheit besteht in der Unmöglichkeit, uns so zu akzeptieren, wie wir sind. Offenbar können wir uns nicht einfach als natürlich und natur­gegeben hinnehmen, so, wie die ge­samte Existenz natürlich und naturge­geben ist. Wenn wir spontan handeln können, ohne das Glaubenssystem an­derer Menschen zu übernehmen, dann können wir selbst die Frage stellen. Dann ist das Gefäß des Grals einen Au­genblick lang leer - und im nächsten Moment mit der Pracht und der Herr­lichkeit aller Dinge erfüllt.

  © Wilhelm Heyne Verlag München, 1997,

ISBN 3-453-09894-3