A
ltgermanische Dichtung (etwa 4.-9.Jh)
1.Allgemeines
»
entstand nach der Völkerwanderung und noch vor den
Einflüssen des Römischen Reiches
»
stellt eine eigene „Dichtkunst“ dar, die jedoch
buchlos war
»
niedergeschriebene Werke entstanden erst mit kirchlichem
Einfluss, daher ist im Sinne von Literatur erst von den lateinischen
Schriften kirchlichen, zwischenvölkischen Inhalts zu sprechen
»
urgermanische heidnisch-weltliche Inhalte wurden
mündlich überliefert (mit Ausnahme von Skandinavien/ Island, wo der
kirchlich- römische Einfluss kaum eine Rolle spielte)
»
d.h. „altgermanische Dichtung/ Literatur“ wird
erst im Mittelalter sichtbar
»
entstand im Ursprung als Runeninschriften (um
3.Jh), die sich später mit dem Einfluss Roms im 4.Jh.kaum gegen das
Lateinische behaupten konnte
»
weitere Einflüsse: um 500 durch die Franken, um
600 durch keltische Iren, 7.-9.Jh. (ausgeprägt christlich) aus Irland,
Nordengland und das Frankenreich, im 9. Jh. wiederum durch die Iren
»
bringt kaum bestimmte oder benannte Autoren als typische
Urheber bestimmter Werke hervor, da die Ursprünge und somit Vorlagen
für spätere große Epen aus dem Volke hervorgingen, stellt also eine
Art völkische Kunst dar ist hauptsächlich in Stabreim* geformt
(*Stabreim [Aliteration]: 2 oder
mehrere aufeinander folgende Stammsilben mit demselben Anlauf
aufeinander bezogen
àz.B.:
„Hiltibrant eti Hadurand \ unter heriun tuem“ [Hiltibrant und
Hadubrand \ zwischen zwei Heeren]. In der altgermanischen Dichtung
wurden die Verse gebildet, indem man beide Kurzzeilen der Langzeile
durch Stabreim verband (metrisches Mittel). )
2. Die Anfänge- Entstehung der Runeninschriften (3.Jh.)
»
Entstehung der Runenschrift um 3. Jh.
»
war Lautschrift (Alphabet) als auch Wortbedeutungen,
Zauberformeln, die sich in Skandinavien bis zum 7. Jh. erhalten
konnte
»
war eher Kleinkunst als Literatur, da zunächst nur
festgehalten in Naturmaterialien (bevorzugt Holz) zur Beschwörung der
heidnischen Götter
»
Datierung des Ursprungs bestimmter Werke schwer, da
bereits in der Frühzeit entstandene und mündlich überlieferte Inhalte
erst im Mittelalter niedergeschrieben wurde. (z.B. Hildebrandslied um
780)
»
unterscheidet inhaltlich 2 Gattungen:
Eddisch:
Allgemein, objektiv und einfach,
àProsa, bescheidener &
Skaldisch:
subjektiv(aus dem Leben/ Umfeld des Dichters), Preislied &
Alltagslyrik àkunstreicher,
lyrischer, anspruchsvoller
3.Arten germanischer Dichtformen:
3.1. niedere/ einfache germanische Dichtformen:
(1)
RITUALDICHTUNG
»
Unterabschnitte:
Weissagung, Opfer, Hymnus und Gebet
(Bsp.:
„Freyr und Njörd,
verfolgt des \ Landes Feind mit Schande! \ Treffe den tollen
Frevler\ Thors Zorn hart und dornig!“
àEgilssaga)
»
weitere:
Weihinschrift, Rechtsgeschäft, Hochzeitslied und Totenlied,
Schlachtgesang
(Bsp.:
Losorakel „Tacitus“ à
Zweige wurden entsprechend ihrer Lage den Runenzeichen zugeordnet
entsprechend gedeutet
»
weitere: Totenlieder
(Bsp.: „Cantus
funereus“ von Jordanes
à
anläßlich Attilas Beisetzung
(2)
ZAUBERDICHTUNG
»
Arten:
Schadenszauber/ Fluch, Abwehrzauber (Beschwörung/ Segen)
z.B.:
Merseburger Zaubersprüche (Handschrift 9.Jh.) oder
Egilssaga
(Bannspruch gegen Börgenund):
„Dies lege ich dir auf, daß du seiest \ dem Heile enthoben, \
allem Glück und Gut, \ aller Wehr und Weisheit \ je länger je
mehr \ dein Leben lang!“
»
sie beziehen sich im Ursprung auf einzelne Runen, die im
Kern den Inhalt des Zaubers enthalten/ darstellen
(s. Anl.2)
»
Spruch und Runenzeichen stützen sich gegenseitig
Bsp.:
„Rúnófáhi
raginakundó“ [´Runen zeichne ich, gottheitenentstammte`]
àMan ritzte bestimmte
Runen auf Stöcke und hielt sie dem Feinde entgegen oder verzierte
Waffen mit Siegrunen
(3)
Spruchdichtung
»
Unterscheidung im groben zw.
Begriffs- & Gedankenformeln
»
beinhalten alltägliche Situationen, Sitten & Lehren,
Sprichwörter und Rätsel
Bsp.:„Mórd
múß man mit mórde kühlen“
[friesischer Rechtssatz]
„bíta myndi
núbeinfiskr, ef at bordi maetti dragaz“ [`anbisse nun der
Fisch, ließe er sich nur an Bord ziehen`]
àGisla Saga
(4)
Merkdichtung:
»
diente zur Belehrung und Unterhaltung (Weitergabe von
Wissen über Landeskunde, Mystik, Heroik, Runenkunde usw.)
»
stellt also Botschaft, Kunde und Erzählung dar „Thula“
(bzw. Pula*)
(siehe Snorris Skaldenhandbuch mit >700 Langzeilen mit >3500 Vokabeln
z.B.: „Ein
flokkr sind fünf Leute, \ eine sveit ists, wenn es sechs sind...`
bis
`ein heer sind hundert“)
»
auch als Einschub in große Gedichte oder als Vorlage für
ebensolche
»
Runen hier jedoch als Lautzeichen ohne Magische
Bedeutung
(5)
Kleinlyrik:
»
Stile: Chorlyrik
und Tanzlyrik
Bsp.: „Es
dunkelt zur Bö, \ es regnet Blut, \ es stirbt der harte \
Helmstrunk vom Rumpf“ (Isländersaga nach Heimskringla
àSnorris Königsandbuch)
»
jedoch nicht im wörtlichen Sinne zu verstehen, kaum
Lyrik im lit. Sinne
»
Chorlyrik meint gemeinsamen Sprechgesang (Gemurmel) bei
der Arbeit
(Bsp: „vindum,
vindum,..“. [`winden wir, winden wir...`] oder als
Schlachtrufe (Bsp.:
„fram, fram,
bóandmen, \ fram, fram krists men, kross men, konungsmen“
[`vor, vor, Bauersleut, vor, vor, Christenmänner, Kreuzesmänner,
Königsmannen`]
»
Wortgeflechte, die sich meist zu Metaphern fügen
»
der erzählerische Stil überwiegt
»
Arten:
Arbeitslieder (-gedichte/ -strophen), Kinderlieder,
Mädchenliedstrophen (`Mansöngvísur`)/
Liebesstrophen, Traumstrophen, Spott- & Scheltstrophen
3.2. höhere germ. Dichtformen - Hofdichtung
(1)
Preislied:
»
wird schon der höheren Skaldenkunst zugeordnet
»
ist dem Lyrischen nahe, besitzt aber auch geschichtlich
erzählenden Charakter
»
meist Stegreif, später von Kirchenmännern in Reimform
gebracht (s. Ludwigslied 9.Jh.)
»
Gruppen: eddische
Preislieder, Stammbaumgedichte (im Ursprung aus der
Merkdichtung), Bildergedichte
»
enthält mythische/ heroische Stoffe
(2)
Erzähllied:
»
allgemeine Form des Heldengedichts
»
„Sagenlied“ mit Inhalten aus Götter-& Heldensagen,
mythischen & heroischen Geschichten
»
Vertreter: (dt.) Hildebrandslied, (engl.)
Hengestlied („Finusburgkampf“)
»
Nacherzählungen in lat. u. isl. Prosa
»
Ausgeprägteste Form:
Heldensaga
»
Grundformen german. Ursprungs: altes Sigund-,
altes Attli-, Hamsridlied, Wölund- & Hunnenschlachtlied
»
Inhalte episch-dramatischer Natur
»
bis 6. Jh. annähernd allgemeingermanische Dichtform
»
erfuhr volle Ausprägung im angelsächsischen im 8. Jh. (Bsp.
Beowulf, Widsith)
»
fand Anlehnung in den großen Epen (Sigfrid) im 9./10.
Jh.
»
Stil: durchsichtig, wenig verschlungen und
blumig, nicht langatmig, oft unprosa
»
im Norden stark ausgeprägt (hingegen südl. kaum
auffindbar): die Götterichtung
(siehe Snorri)
»
dort auch mehr lyrische Elemente mit Ausmalungen und
Darstellung von Seelenvorgängen, also über das einfache Erzählerische
hinaus (s. Klagelieder)
(3) Epos
»
gehört stilistisch zur Lyrik
»
Epen sind Schriftstellerwerke,können also weitestgehend
ihren Autoren zugeordnet werden
»
zunächst biblische Stoffe
»
Bahnbrecher Caedmon (vor 700) bedichtete viele Teile des
AT & NT
»
Nach 730 Anwendung dieser Kunst auf heidn. Stoffe
»
1. germ. heidn. Heldenepos: Beowulf (Autor
unbekannt) mit 3000 Langzeilen, danach Waltherepos
»
daneben entwickelten sich kirchl. Epen weiter (z.B.
Werke Cynewulfs, 2. Hälfte 8, Jh)
»
820 Heliand,6000 Zeilen (sächsischer Autor
unbenannt) stellt Höhepunkt dieses Stils dar und gilt daher als
Stilvertreter der ausgeformten Art dieser Dichtung
»
Engl. Vorläufer wurden im Stil übernommen und gesteigert
Wurzeln liegen jedoch im Ursprung in der heidn. Liederdichtung
»
Flutender Bogenstil, schwellende Variation
»
Sätze bis zu 7 Stockwerken, Üppige Versform, Auftakte
bis zu 11 Silben
»
allgemeine Charakteristik der Epen: unterschiedliche
Versformen, dazwischen freier Zeilenstil, reich an schmückenden
Beiworten und nominalen Zusammensetzungen, Strophen sind satzreicher,
Worte silbenreicher, Verse sind üppig in Ausdruck und Volumen
(4) Die
Isländersaga
»
„sögn-Ljod“ [das erzählende Gedicht]
»
wird aber der Epik zugeordnet (erzählerische Prosa)
»
entspringt mündlicher Prosaepik als gesellsch.
Unterhaltung, entstand als Chronik
»
stellt Zwischenstück zwischen Chronik und
Unterhaltungsstück dar
»
Vertreter: Halldor, Sohn Snorris um 1040);
Sturla 1263; 1167 Arnoldus Thylensis
à[der Mann aus Thule
(Island)], höfischer Unterhalter am Hofe Dänemarks
»
Stil: leicht, erzählend, fließende, gespickt mit
Fabeln, umfangreicher Inhalt
»
Charakteristik:
»
Verwebung von Stammbäumen und Orten
»
Übertreibung in Waffentaten, leiblichen Vorgängen...
»
S/W-Zeichnung des Menschen
»
Wunschbilder anstelle realer Darstellung v. Personen,
großmütig
»
verknüpft mit schalkhafter Spottlaune
»
Neigung zur Fabelei, zum Märchenartigen
»
Ausmalung von Abenteuern
»
ritterlicher Aufputz, Wappenwesen, Zeremoniell
»
Ausflug in erotische Beschreibungen (Anm.: für damal.
Zeit ungewöhnlich, rührte von den Kreuzzügen im Südosten)
»
glatter, flüssiger Satzbau
»
Zunahme von Lehnwörtern aus dem Deutschen
»
Gattungen: Isländersaga
(Familiengeschichten 9.-11.Jh.), erfabelte, romanhafte
Isländergeschichten (selbe Zeit), Geschichten aus den nordischen
Bruderländern (850-1280 spielend) – „Königsgeschichten“ („Konunga
Saga“), nordische Abenteuer- und Heldenromane
(„Vorzeitgeschichten“ („Fornaldarsaga“)
4. Die Edda als zusammenfassendes Gesamtwerk der altgermanischen
Dichtung
»
weitestgehend komplette dt. Übersetzung des Urtextes
entstand erst 1912 von Felix Genzmer
»
initiiert von Dr.Andreas Heusler, damals
führender Forscher altgerm. Literatur)
»
ff. (bis 1930) Ausweitung zur „Sammlung Thule“
(24 Bd.), 1920: 2. Edda-Ausgabe
»
heutige Edda ist
Produkt der weiterführenden Forschung und lehnt sich an den späteren
Erkenntnissen Genzmers an
»
„Ur-Edda“:Schöpfung des Hochmittelalters
=Zusammenfassung von vorwiegend isländischen Dichtungen des 13.Jh. im
Codex Regius (mittelalterl. Liedersammlung)
»
Ursprung:jüngere E.=
Poethologisches Handbuch v. Snorri Sturluson (1178/79-1241)
»
stellte Anleitung für die Ausübung der Skaldenkunst dar
»
umfasste sowohl die wichtigsten Werke des Altertums als
auch Anleitungen in Stil, Charakteristik und Aufbau skaldischer Werke
dient heute aber eher als Gattungsbegriff für Texte, wie sie
vorwiegend im Codex Regius enthalten sind.
Quellen:
»
Dr. Andreas Heusler
(Professor an der Universität Basel): Die altgermanische Dichtung,
hier in 2. Auflage v. 1941, erschienen in der Potsdamer
Akademischen Verl. Gesell. Athenaion
»
Die Edda:
Götterdichtung, Spruchweisheiten und Heldengesänge der Germanan/
übertragen von Felix Genzmer.
Eingeleitet von Kurt Schier.- Sonderausgabe- München: Dietrichsverlag
1997
»
Odin, Nordische
Göttersagen von A.
Kaiser-Langerhannß, Bechtmünzerverlag, (hier Reprint auf Grundlage der
Ausgabe des Commissions-Verlages von Friedrich Bruckmann, München
1881, Herausgeber: Weltbild Verlag GmbH, Augsburg 1998)
Bildanhang:
Handschrift Ende 13.Jh. aus Codex Runicus der
Universität Kopenhagen
Stein mit
Runeninschrift
|